In den Bäumen und auf dem Brocken: Wanderungen im Harz

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Die Frühlingssonne glitzert durch frisch-grünes Laub und leuchtet in den Rapsfeldern beiderseits der A2, die wir von Berlin Richtung Harz fahren. In Ilsenburg, unserem Ziel, herrscht Wetter wie für den Kaiser gemacht. Wüsste man nicht, dass es sich hier um einen tausend Jahre alten Ort handelt, könnte man denken, von Märchenkitsch begeisterte Amerikaner hätten Ilsenburg als „typisch deutsche Stadt“ dahindrapiert. Ein Traum aus Fachwerk, Giebelkunst und Kopfsteinpflaster.

Über dem Ort thront das Benediktinerkloster und Schloss, in dessen Hof zwei angeleinte Ziegen das Gras kurz halten. Ihre Leinen sind ineinander verheddert. Wir treiben eine von ihnen so im Kreis, dass sie sich entheddern, doch bald darauf verfangen sie sich wieder heillos in ihren Leinen. Drei Schafe schauen mit leerem Blick zu. Die Schlosskirche ist licht und hell, strahlt Ruhe aus. Über dem detailliert geschnitzten hölzernen Altar wölbt sich eine Holzplankendecke wie ein umgedrehtes Boot. Die mittelalterlichen Mönche haben sie mit blauem Himmel und Bauschwolken bemalt. Keine Engel, keine Trompeten, kein Jesus. Letzterer steht dagegen unter der Kanzel, die ihm praktisch aus dem Kopf wächst. Jesus trägt die Kanzel. Oder er erdenkt sie.

Das Zentrum Ilsenburgs liegt noch im Schlaf der Vorsaison und der Trubel hält sich in Grenzen. Rentner besetzen das einzige offene Cafe, eine Katze steckt den Kopf aus dem Fenster. Wir fahren ans Ortsende und beziehen Quartier, wo die letzten Gebäude sich im Wald verlieren.

Tag 1

Am nächsten Tag steuern wir den Baumwipfelpfad in Bad Harzburg an. Auf einer Gewinderampe schraubt sich der Weg ca. 30 Meter in die Höhe, vorbei an „Wissensstationen“, die nichts geringeres erläutern wollen, als die Erdgeschichte. Los geht’s mit einem verdunkelten Durchgangsraum, in dem ein Sternenhaufen auf dunklem Grund zu sehen ist, dazu donnert es blechern: der Urknall! Auf der nächsten Tafel wird erläutert, dass unser Genpool zu 50% mit dem der Banane übereinstimmt. Bei all dem Wissen, das einem hier vermittelt wird, vergisst man fast, auf die Bäume zu schauen. Oben angekommen, führt der Pfad rund 700 Meter durch das leuchtend grüne Blätterdach von Buchen, Erlen, Ahorn, Eschen und Eichen. Schwärme schwarzer, langbeiniger Fluginsekten starten und landen simultan in den Zweigspitzen einer Eiche und wippen mit langen Fühlern und Flügeln. Etwas weiter piepst ein Rotkehlchen, dort flötet eine Amsel. Die Sonne blitzt durchs Blätterdach. Ich ignoriere alle weiteren Wissens- und Erlebnisstationen und hoffe, dass den Kindern, für die sie bestimmt zu sein scheinen, auch ein paar Bäume gezeigt werden.

Am Ende kraxeln wir den steileren und ruhigeren von zwei Wegen hinauf zur Seilbahnstation mit angeschlossener Einkehre. Ein Aufsteller lockt mit einem flotten Rätsel: „Dinge, die Sie mit einem Victoria’s Secret Model gemeinsam haben?“ Na? Die Antwort: „Hunger“, dazu ein Smiley. Kein Kompliment an die Gäste und viel los ist demnach auch nicht. Wir belohnen uns mit Erdbeerschnitten und gondeln kurz darauf gemütlich zurück nach Bad Harzburg.

Tag 2

Ilsenburg ist ein idealer Ausgangspunkt für die Bezwingung des Brocken. Zweithöchster Berg der DDR! Touristisch angepriesen wurde allerdings nur der „DDR-Everest“ Fichtelberg, der im Gegensatz zum Brocken nicht im Grenzgebiet lag und somit zugänglich war.

Der Weg führt durch dichten Mischwald des Nationalparks entlang der Ilse. Der Sage zufolge wurde diese nach einer Prinzessin (Ilse) benannt, die jeden, der sie beim Baden im Fluss erwischte, mit auf ihr Schloss nahm. Andere Zeiten. Im Urwald wächst, stirbt udn fällt jeder Baum wie und wo er will. Nur die Wege sind freigehalten. Baumstämme liegen kreutz und quer übereinander, wie Riesenmikado. Der Fluss rauscht über große Feldbrocken, mehrere pittoreske Brücken werden überquert, Sonne sprenkelt Lichtschächte in den kühlen Wald. Wir sitzen auf Steinen und essen Stullen. Bienen summen.

Weiter oben kommen wir an großen Flächen mit abgestorbenen Fichten vorbei. Die Nationalparkverwaltung hat diesen Weg offiziell und etwas kapitulativ „Borkenkäferweg“ getauft. Nach zwei Stunden lichtet sich der Wald und an vielen Stellen herrscht Kahlschlag, wohl um dem Befall der Schädlinge Herr zu werden. Wir biegen zum Gipfel auf eine Panzerplattenstrasse ab, wo einst die Grenzsoldaten patrouillierten. Hier und da sind noch zerbröckelte Stahlbetonreste und Pfähle des alten Grenzzauns zu erkennen. „Wir sind auf über tausend Meter, das Atmen fällt merklich schwerer!“ – so wurde in einer DDR-Doku die Besteigung des Fichtelbergs als bergsteigerisches Großereignis kommentiert. Bestätigen lassen sich diese Herausforderungen des ostdeutschen Mittelgebirges hier nicht. Doch die Panzerplatten und der steilere Anstieg machen diesen Abschnitt zu keiner Genusswanderung.

Nach einer weiteren Stunde ragt die rakentenartige Gipfelantenne vor uns auf wie etwas aus einem Bondfilm der 60er Jahre. Dazu die zwei chrakterlosen Betonklötze mit Spionagekuppel: der Brocken – geschafft! Oben gibt’s Bocki, Fritten und Erbsensuppe. Pfeile zeigen, wo Norden und wie weit es nach Helsinki ist. Wir essen Stullen und hartgekochte Eier und warten auf die Harzschmalspurbahn. Wenn wir schon hier sind, nehmen wir die natürlich auch noch mit.

Die Dampflok pfeift, stinkt und versprüht Kondenswasser. Zwischen den Waggons kann man im offenen Durchgang stehen und sich zuqualmen lassen, während die HSB durch Wälder und Ortschaften rattert. Ich halte das Gesicht in den Fahrtwind, schaue zu, wie sich der Zug in die Kurven stemmt und atme den Dampf aus Kohle und Maschinengeruch ein. Menschen am Bahndamm winken. Leute am Fenster winken zurück. Ein Reflex, der sich ebenso auf Berliner Ausflugsdampfern beobachten lässt. In Wernigerode angekommen zischt die Lok noch einmal aus allen Löchern, lässt sich fotografieren und rangiert dann davon.

Wir nehmen den Regio zurück nach Ilsenburg und laufen vom Bahnhof ins Zentrum, wo wir einen Tisch in der roten Forelle reserviert haben. Der Legende nach waren die Forellen früher hier rot. Vielleicht aber auch nicht, es sei lange her, so die Bedienung. Die auf unseren Tellern jedenfalls sind ein Traum an Spargel und Champagnermousse. Und weil wir schließlich im Harz sind, wird das ganze zum Schluss abgerundet mit dem lokalen Schnaps „Hexenflugtreibstoff“.

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2 Gedanken zu „In den Bäumen und auf dem Brocken: Wanderungen im Harz

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