Ecuador: Geheimer Garten

Am Cotopaxi

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Eine der vielen Situationen, in denen man sich des eigenen Alters bewusst wird, ist wenn man in einem Backpackerhostel übernachtet. Auf der Dachterasse des Secret Garden in Quito blubberte allabendlich ein dermaßenes Durcheinander von Travelstories und abgeklärtem Orteaufzählen internationaler Twens, dass wir nach wenigen Tagen froh waren, dieses sonst sehr schöne Hostel wieder verlassen zu können.
Ins Auge gesprungen waren uns an der Wand der Terrasse Fotos von einem herrlichen Blick auf den rauchenden Vulkan Cotopaxi. Es stellte sich heraus, dass die Bilder von einem Ableger des Secret Garden am Cotopaxi gemacht worden waren. Das zweite Hostel liege völlig einsam im umliegendes Hügelland des Vulkans. Alle Malzeiten seien im Preis inbegriffen und, ja, man könne auch zelten. Dann sei es noch preiswerter. Toakin, der australische Besitzer des Secret Garden war ein guter Verkäufer! Endlich hätten wir eine Gelegenheit, unsere Zeltausrüstung zu nutzen und würden sie nicht sinnlos umherschleppen.

Mit dem Sammeltaxi ging es zwei Stunden lang Richtung Süden, die alte Routa de los Volcanes entlang. Von denen gab es allerdings nichts zu sehen, bis wir über das sanft wogende, grüne Hügelland holpernd dem Cotopaxi nahe kamen. In Wolken gehüllt gab er leider nicht viel von sich Preis. Für das Hostel allein allerdings hatte sich die Reise gelohnt. Im Adobe-Stil erbaut umfasste es ein wunderschönes erdiges Gemeinschaftshaus mit warmen Duschen, eine Komposttoilette und ein Jacuzzi mit Premiumblicken auf den Vulkan und mehrere Hobbithouses. Runde bunte Türen am Hang, hinter denen sich backsteinerne Doppelzimmerchen befanden.
Wir schlugen unser Zelt im Garten auf, zwischen den Gebäuden und drei auf der Koppel weidenden Lamas. Das letzte Mal hatte ich mein 15 Jahre altes Tunnelzelt in der Mecklenburger Seenplatte benutzt. Nun blickten wir von innen hinaus auf Ecuadors höchsten aktiven Vulkan. Was für ein Standortwechsel!

Nach einem Begrüßungsglühwein (!) und einem herrlichen asiatischen Essen wurde für alle Neuankömmlinge ein „entspannter Spaziergang“ zu den Wasserfällen angeboten. In Gummistiefeln kraxelten wir bald durch einen dichten moosbewachsenen Wald einen Bergfluss hinauf. Über Steine, unter tropfenden überhängenden Ästen hindurch führte der Weg bald an einer steilen, wasserglatten Felswand entlang, an der ein falscher Schritt einen Zweimetersturz in den steinigen Bach bedeutet hätte. Dachten wir nun, ok, Sicherheit muss einem Adrenalinkick ja nicht immer im Weg stehen, so folgte bald die zweite haarige Krabbelei am Fels. Wenn ein „entspannter Spaziergang“ einer ist, auf den ich meine Oma mitnehmen würde, dann war das hier keiner!
Letztlich erreichten wir den schönen, zehn Meter hohen Wasserfall, sprangen ins herzinfakttaugliche kalte Wasser und waren glücklich. Auch ein bisschen stolz darauf, diese Kraxelei in Gummistiefeln überstanden zu haben.

Belohnt wurden wir am Abend mit Hühnchenkeule an Salat und Patatas sowie Kuchen-Dessert. So gut hatten wir lange nicht gegessen. Vor dem Gemeinschaftshaus, in Reichweite der Hängematten, hing zudem eine riesige Bananenstaude, an der man sich jederzeit bedienen konnte. Der ultimative Ossi-Moment. Reife Bananen im Überfluss!

Gerade war ich damit beschäftigt, mir den Bauch nach dem vorzüglichen Mal zu massieren, als Karo in den Raum rief: Look, you can see it now! Wir alle stürzten nach draußen und standen mit offenen Mündern wie angewurzelt da: umspielt von ein paar Wolkenfetzen thronte am Horizont als gewaltiger Kegel der Cotopaxi. Eine dünne weißgraue Rauchwolke stieg vom Gipfel empor, zog stetig nach Westen. An seinem östlichen Hang stauten sich die Wolken und überzogen ihn über dem Gipfel wie eine schützende Hand.
Vor dem Hostel war ein großes Netz als Massenhängematte aufgespannt. Dort lagen wir und schauten und schauten. Der Himmel tiefblau, das Hügelland ringsum goldgrün schimmernd starrten wir den Vulkan an und wollten an keinem anderen Ort sein als genau hier.

Wenig später war die Nacht hereingebrochen und ein endloses Sternenmeer aus unbekannten Bildern und Konstellationen überflutete den Himmel. Der Orion auf die Seite gekippt, der große Wagen auf dem Kopf stehend – nie fühlt man sich so in der Fremde angekommen, wie wenn ein gänzlich neues Sternengemälde den Nachthimmel überzieht.
Als ich mitten in der Nacht aus dem Zelt trat um die vom Wind lose gezerrten Heringe zu justieren, stand der Mond gleißend über mir. Seine abnehmende Sichel lag auf den Spitzen Enden wie eine kleine leuchtende Brücke. Im Süden stand das gewaltige Massiv des Vulkans. Schwärzer noch als die Nacht.

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