Ecuador: Im Regenwald

MINDO

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Ankunft

Schüsse krachen, Explosionen dröhnen, Schreie zerfetzen unsere Ohren. Im Bus nach Mindo läuft Action-Ware der untersten Schublade. In einer Lautstärke, die einen versehen lässt, wie Folter funktioniert. Als wir einsteigen läufteine Fast and Furious-Parodie mit dem Namen Superfast. Als sie vorbei ist wollen wir aufatmen. Nahtlos jedoch beginnt der nächste Knaller. Ein Asia-Martial-Arts Gemetzel, dessen Soundtrack praktisch unterbrechungslos aus Automatik-Salven und/oder Geschrei besteht. Kleine Schulkinder steigen zu, steigen aus. Scheinbar völlig gewöhnt an das Unteshaltungsprogramm ihrer Regionalbusse. Stunden lang dauert die Fahrt mit der „Jhon F Kennedy“-Busgesellschaft (ja, so geschrieben). Ich versuche mich auf die Berge draussen zu konzentrieren, auf den Regen, die alles überziehende Vegetation – es ist unmöglich. Der Blick wird immer wieder zurück auf den Bildschirm gezerrt. Nur so lässt sich die Maximum-Dezibel-Kakophonie ertragen. Irgendwann sind die zwei Stunden vorüber, der Fahrer hält am Abzweig nach Mindo und wir stolpern, flüchten aus dem Bus auf die Strasse. Mit offenen Mündern stehen wir da. Bananenstauden, Palmen, tropfende Baumfarne. Der erste Kolibri, schwirrt an einer grotesk schwülstigen roten Blüte. Wie eine Decke umhüllt uns die warme, feuchte Stille des Regenwaldes.

Sehr langsam gehen wir die Strasse bergab nach Mindo und lassen die Wuchernde, rankende, ausufernde Vegetation auf uns einströmen. Nach einer Weile nimmt uns eine nette Einheimische den Rest des Weges nach Mindo mit. Im Ort ergreift sofort eine Gruppe zerzauster Dorfhunde von uns Besitz und folgt uns, während wir in die wolkig-schwüle Gelassenheit Mindos eintauchen. Ein paar Strassen, quadratisch um einen kleinen Park angelegt, niedrige hölzerne Häuser, Hütten, Bars, umgeben von neblig grünen Bergen.

Wir finden eine gemütliche Cabaña am Ende des Ortes, an einem Bach gelegen, mit einem kleinen Urwaldgarten hinter der Hütte. Jeder Baum, jede Pflanze, jedes Blatt ist Verschwendung, Üppigkeit, triefendes Leben. Von Bananenflanzen mit kleinen rosafarbigen Früchtenstauden umgeben verbringen wir die ersten Momente auf d Veranda in der Hängematte. Eine kleine getigerte Katze lässt sich sofort von uns adoptieren und schaukelt mit. Der Besitzer steht mit ihr auf Kriegsfuss, da sie oft und gern Jagd auf Kolibris macht. So freut sie sich über unsere Zuwendung.

 

 

In den Regenwald

Beim Gang in den Ort kommen „unsere“ Hunde auf uns zugebellt, springen an uns hoch, als seien wir ihre langvermissten Besitzer und laufen uns überallhin nach. Bleiben stehen wenn wir stehen bleiben. Legen sich an Ort und Stelle hin, wenn nichts passiert, weil wir mal wieder eine exotische Blüte bestaunen, und springen auf, wenns weiter geht.

Wir wandern zum Yellow House Trail, einem Pfad durch den dichteren Urwald. Auf dem Weg dorthin, etwa hundert Meter vor uns, etwas Vierbeiniges. Nicht Größer als ein Hase, aber mit kleinen spitzen Ohren und mit im Gegensatz zum kleinen Kopf überproportional grossem Hinterteil. Ein Aguti! Neuer Kontinent, neues Tier. Nie gesehen, nicht mal im Fernsehen. Wir schauen auf, noch vom Entdeckertaumel benommen, als etwas durch die Luft zischt. Schwarz mit gelbem grossem Schnabel: ein Tukan! Wirkt im Fernsehen größer. Es gebe verschiedene Arten, werde ich von Karo belehrt.

Die Wanderung beginnt über offenes Land, eine gewundene Fahrstrasse entlang. Überall auf den Bäumen wuchern agavenförmige Parasiten mit langen roten Blütenständen, schlängeln sich Kletterpflanzen empor, hängt tropfendes Moos an Ästen und Zweigen. Weiße große Vögel, Reihern ähnlich, segeln durch die Luft. In Gruppen von zehn bis fünfzehn besetzen sie tiefgründig Baumkronen. Schwarze Raubvögel kreisen, dich Condore sind es sicher nicht. Zu klein sind sie und in den Hochanden befinden wir uns auch nicht.
Nach einer Weile wird der Weg enger und führt in den dichteren Dschungel und dichte Vegetation umschließt uns. Blätter groß wie Fensterläden ragen uns entgegen, Bananenblattkronen explodieren meterhoch über unseren Köpfen, Baumfarne sprenkeln ihre Arme über den Himmel. Alles klettert, rankt, wuchert ineinander, aneinander, übereinander – entsteht, modert, verrottet, windet sich empor, fällt zu Boden, wurzelt, behauptet sich, lebt! Frische, schleimige Farnsprösslinge, gelbrote herabhängende Blüten, rot-schwarze, wie Dolche gezackte Samenstände. Astwurzeln greifen nach Halt, haften sich an Bäume, stehen wie Venen von ihnen ab, verwachsen völlig mit dem Wirtsstamm. Andere Parasiten sitzen lose auf Ästen, nehmen sich Zeit mit der Inbesitznahme. Doch schon sitzen zehn, fünfzehn, zwanzig über Äste und Zweige verteilt auf einem Baum. Leben, nach Leben gierend. Lianen, noch jung und gummiartig dünn, oder bereits wie dicke Äste herabhängend. Wir hängen uns mit ganzem Gewicht a eine – sie hält! Verrottende Palmenblätter von über einem Meter Länge krachen neben uns auf den Boden, der aus einer einzigen vermodernden Schicht braunen Pflanzenmaterials besteht. Überall tropft es.
Eine blassgrüne Schlange fällt vom Baum und verkriecht sich sogleich. Von einem dicken Blatt blickt uns das Auge einer Eule entgegen. Es ist die Tarnung eines Schmetterlings von an die 15 cm Länge. Er geht auf Nummer sicher und tarnt sich nicht nur mit dem Auge eines Raubvogels. Am Ende seines Flügels ist außerdem ein Schlangengesicht zu erkennen. Kleinere Falter mit durchsichtigen Fenstern im Flügel schwirren umher. Ein braunschwarzes Eichhörnchen, ähnlich den unsrigen, fuhrwerkt im Blattwerk. Und, hoch oben in den dickblättrigen Baumkronen: noch ein Tucan!
Seltenes Glück im Regenwald: die ganze Zeit scheint die Sonne. Doch wie in Quito folgt das Wetter auch hier scheinbar festen Regeln: Am Nachmittag kommt der Regen. Durch die warmen, weichen Tropen schlendern wir zurück in den Ort. Von überallher pfeift, zwitschert, piepst, plärrt es. Vogelparadies Mindo.

 

 

 

 

Hatte Gott etwas genommen?

Am Morgen steht der Mond noch hoch vorm Fenster. Er nimmt gerade ab, von unten her. Ungewöhnlicher Anblick, leicht verändertes Gesicht. Vogelgesang weckt uns. Als würde R2D2 versuchen, eine Arie zu pfeifen.
Die Schmetterlingsfarm liegt eine knappe Gehstunde außerhalb des Ortes. Stechende Hochlandsonne, feucht-schwere Luft. Wir schlendern. Haben keinen Zeitplan, keinen Termin, kommen langsam an in Südamerika. Hunde folgen, Jeeps mit lauffaulen Touristen überholen uns.
Als wir nach einer kurzen Einführung übe Arterhalt und –schutz durch die Schmetterlingsfarm den eigentlichen Zuchtraum der Schmetterlinge betreten, explodiert vor unseren Augen ein Kaleidoskop aus Farben, Flattern und Flügeln. Es umschwirrt uns schillernd und leuchtend in Rot, Orange, Smaragd, Türkis, Gelb, Grün und 70er Jahre-Braun. Als Gott die Schmetterlinge gemacht hat, muss er etwas genommen haben. Kleine aufgeregte Flatterer und elegant flappende Riesenfalter mit leuchtend türkisfarbener Oberfläche und Pfauenaugen auf der Unterseite. Die uns bereits bekannten Eulenaugen und Schlangengesichter hängen in Gruppen wie am Opiumtropf an Schalen mit Bananenmuß. Steckt man den Finger in das Muß und berührt dann vorsichtig eines der auf Blättern, Wänden und Boden sitzenden Tiere am Bein, tastet es erst mit dem Rüssel nach dem Muss und klettert dann langsam ganz auf den Finger und lässt sich hochheben. Schicke Fotos gibt das.
Wir sitzen eine Weile und starren in das wirre Schwirren, lassen uns umflattern, auf uns landen und sind bald ganz betäubt von der Farben- und Formenpracht. In Schaukästen hängen die Puppen verschiedener Spezies, wie Hippie-Schmuck auf dem Markt. Grüne schneckenförmige, schwarz-gelbe, golden reflektierende und solche, die wie vertrocknetes Laub aussehen. Ich fotografiere mein eigenes Spiegelbild in einer goldenen Schmetterlingspuppe.

 

 

Bananen und Forelle

Es ist Wochenende und Mindo plötzlich voller Menschen. Hippies verkaufen Schmuck am Straßenrand, in einer großen Halle tanzen Leute allen Alters Zumba. Die Tür steht offen, von der Straße schauen einige zu, Karo tanzt ein bisschen mit. Wir schlendern weiter zu einem Strassengrill, wo bereits fertige Forellen auf dem Rost liegen. Si, una trucha por favor, con las yucas, plátanos fritas y – si – cerveza! Yucas, wie grobe Pommes, aber trockener. Gebratene Bananen schmecken süß säuerlich und gut. Dazu diverse unbeschreibliche Soßen – wir lehnen uns satt und zufrieden zurück und beobachten die wochenendenden Familien. Mütter, die ihre entzückten Kinder von den vielen tischbettelnden Hunden fern halten wollen und Protestgeschrei dafür ernten.

Vor dem Schlafengehen machen wir einen kleinen Nachtrundgang mit Stirnlampen durch unseren Hintergarten. Ein paar Glühwürmchen blinken, Frösche sitzen auf Blättern und bequasseln sich gegenseitig. Dann ein Rascheln am Boden und erschrockene Knopfaugen aus einem kleinen gepanzerten Kopf: Ein Armadillo flieht erschrocken ins Gebüsch! Wir sind völlig sprachlos.

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3 Gedanken zu „Ecuador: Im Regenwald

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