Zu Fuß von Almería nach Granada – Camino Mozarabe

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Tag 1: 5.9.

Die Hitze macht uns fertig / Schattensuche im Flussbett

(Almería – Santa Fe)

Mir schwimmt der Kopf und ständig fallen mir die Augen zu, weil sie mit dem intensiven Sonnenlicht völlig überfordert sind. Wir hocken im kostbaren Schatten einer Autobrücke, die das ausgetrocknete Flussbett des Andrax überspannt, dem wir seit einigen Stunden folgen. Oben am Hang steht einer der großen schwarzen Osbourne-Stiere, einstiger Getränke-Werbeaufsteller und mittlerweile Erkennungsmerkmal des Landes. Diesen hier hat jemand mit roter Farbe markiert, und zwar dort, wo ihn beim Stierkampf die Stacheln des Picador langsam ausbluten lassen würden. Blutrot läuft die Farbe am Stier herab und rückt das sonst so romantisierte Symbol Spaniens ins rechte Licht.

Uns hat für den Moment die Sonne niedergestreckt. Es ist September und so heiß, dass wir uns mit langer Kleidung vor der Sonne schützen müssen. Es ist der erste Tag unserer neuntägigen Wanderung auf dem Camino Mozárabe. von Almería bis Granada liegen knapp 200 km Fußwanderung vor uns. Und bereits nach drei Stunden liegen wir buchstäblich am Boden.

Als wir gestern nach vierstündigem Flug von Berlin in Málaga landeten, war uns die Hitze natürlich willkommen, zumal heiße Tage im Berliner Sommer mittlerweile fast so rar sind wie schneereiche im Winter. Und weder die Busfahrt von Málaga nach Almería, vorbei and quadratkilometerweiten Gewächshausgebieten, noch der Nachmittag in den schattigen Straßen Almerías ließen uns viel an die Warnungen vor der Hitze in den kargen Wüstenregion östlich der Sierra Nevada denken. Vielmehr genossen wir Cañas und Tapas in den Bars der Stadt und bewunderten die wuchtige Kathedrale Almerías mit ihrem herrlichen von Palmen bewachsenen Vorplatz.

Erst als wir gestern erfuhren, dass die Oficina del Peregrino, in der wir heute vor dem Losgehen unseren ersten Stempel für die Credencial del Peregrino, den Pilgerpass, abholen wollten, erst neun Uhr öffnen würde, dachte ich kurz, dass es neun Uhr wohl schon recht warm sein würde. So kamen wir vor zehn Uhr nicht los. Der enthusiastische Mitarbeiter der Oficina sprudelte nur so über vor Tipps und Ratschlägen für den Weg, zählte alle Caminos auf, die er schon gelaufen war und beteuerte, wie er uns um unsere kommenden Tage beneide. Er leide eben an Caminitis. Ja, süchtig kann das Laufen in Spanien schon machen.

Nachdem wir die Innenstadt hinter uns gelassen hatten, ging es zunächst durch die typische Vorstadt-Tristesse, die das Durchwandern größerer Städte auf dem Camino mit sich bringt. Als wir die letzte Ausfahrtstrasse endlich hinter uns gelassen hatten, dirigierten uns die gelben Pfeile und die für den Camino Mozarabe typischen Schilder in das ausgetrocknete Flussbett des Andrax. Steine und Sand, überzogen von einer rissigen Staubkruste, die sich aufpellte wie die abblätternden Farbschichten von den Betonruinen beiderseits des Flussbettes. Alles badete in Hitze und gleißendem Licht. Das machte uns zunächst nicht viel aus, da wir uns unter Hut, Sonnenbrille und Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 gut geschützt glaubten. Doch nach einer Weile fühlten wir uns wie unter einer dicken Wolldecke im Hochsommer, während wir das sandige Flussbett entlang stolperten.

Im Schatten eines Feigenbaumes kollabierten wir und versuchten uns etwas zu sammeln. Die Früchte waren saftig und reif, und wir ließen uns Zeit mit der Malzeit. Niemand hatte es eilig, weiterzulaufen. Doch es war gerade mal Mittag, die größte Hitze des Tages stand uns noch bevor. Also weiter.

Nach zehn Kilometern erreichten wir Pechina. Wie in fast jedem spanischen Dorf gab es auch hier eine Bar. Die erste auf diesem Camino. Großer Moment. Café con Leche. Klimatisierter Schutz vor der Hitze. Heute noch die vollen 26 km bis Santa Fe? Oder doch nur bis Rioja, das wären nur 16 km. Nachdem wir uns etwas abgekühlt hatten: Wieder ins Flussbett. Sofort stülpt uns die Sonne wieder die Wolldecke über. Gott sei Dank erreichen wir bald die Brücke, unter der wir uns sofort auf unsere Rucksäcke in den Schatten fallen lassen. Mit Blick auf den blutenden Stier.

Hier sitzen wir nun und ein steter Wind bläst uns ins Gesicht wie ein Fön. Ein Fön mit Sandkörnern im Windkanal. Wir spüren förmlich, wie wir austrocknen, trotz all des Wassers, das wir pausenlos trinken. Also weiter bis Rioja, wo wir uns wieder in die klimatisierte Bar flüchten. Wie benommen saugen wir an unseren Wasserflaschen. Sind völlig ausgelaugt. Doch hier in Rioja zu bleiben, wäre wie eine Niederlage am ersten Tag. Der Ort ist trostlos. Wir kühlen uns also noch eine Weile in der Bar, dösen etwas unter den Bäumen draußen und laufen dann weiter.

Zum Nachmittag hin lässt die Hitze etwas nach und das Licht wird weicher. Der Weg schlängelt sich zwischen Gärten und Feldern mit noch grünen Orangen, Mandarinen und Zitronen bis Santa Fe. Feigen und Weintrauben. Reif. Wir lassen uns Zeit und schlagen uns die Bäuche voll. Einen Kilometer vor dem Ort erreichen wir die Casa de los Peregrinos, müssen aber noch zwei Kilometer bis Santa Fe weiter, um dort den Schlüssel zu holen. Wir bekommen ihn in der Bar von der herzlichen Anna, die uns sogleich Cerveza, Rosé, Fisch, Salat und Fritten auf den Tisch zaubert. Wir hauen rein, bis unsere ganze Erschöpfung einer angenehmen Übersättigung weicht. Nachdem es draußen bereits dunkel geworden ist und der Mond am Nachthimmel steht, fährt uns Annas Mann zurück zur Herberge, wo sich über uns eine endloser Sternenhimmel ausbreitet.

 

Tag 2: 6.9.

Letzter Blick auf’s Meer / Katze und Jamón / Käse & Wein am Abend

(Santa Fe – Alboloduy)

Selbst in einem Nest wie Santa Fe gibt es eine Dorfjugend, die einen nachts wach hält. Irgendwann hat uns die Wärme der Nacht jedoch so eingelullt, dass wir trotzdem weggedöst sind.

Um sechs Uhr sind wir auf. Draußen ist es noch stockfinster und der Mond steht voll und rund über den Bergen im Westen. Unter dem Laster, der vor der Tür parkt, kauern drei schneeweiße Katzen aneinander, unentschieden, ob sie Abstand halten oder uns anbetteln sollen.

Noch einmal laufen wir den weiten Bogen in den Ort und verlassen ihn bald darauf am andern Ende, wo wir die beeindruckende eiserne Bahn- und Autobrücke unterqueren, von der niemand so recht weiß, ob sie nun von Gustav Eiffel entworfen wurde oder nicht. Trotzdem erwähnt jede Routenbeschreibung den Namen. Macht schließlich was her. Während sich der Himmel von Schwarzblau ins Blaurötliche verfärbt, laufen wir auf der sich um die Berge windenden Straße immer höher in die Sierra de los Filabres. Baumlose, nur von Trockenbüschen bewachsene, weitläufige Berge werfen schattige Falten, auf denen das erste rötliche Morgenlicht schimmert. Ein paar steile An- und Abstiege weiter stehen wir auf einer Art Gipfel und erblicken weit in der Ferne das Mittelmeer. Erhabener Moment. Gott sei Dank sind wir durch das frühe Aufstehen der Sonne einige Stunden voraus.

Nach guten zwei Stunden erreichen wir die erste Bar in Alhabia. Morgenkaffee und Schinken-Käse Bocadillo auf der reizenden Plaza mit hübscher aber leider geschlossener Kirche. Ein zerzauster Kater bettelt Karo neben ihrem Stuhl an. Sie begeht den kapitalen Fehler, ihm Jamón zuzuwerfen. Jetzt fühlt er sich ermutigt, und tippt ihr mit der Tatze ans Bein. Sie versucht nicht zu reagieren. Ungeduldigeres Tippen. Mehr Jamón.

Wir lassen Kater und Kirche zurück und laufen weiter im trockenen Flussbett des Gérgal. Vorbei an Feldern mit Tomaten, Paprika, Auberginen, an Orangen- und Mandarinenbäumen, an Feigen und Wein. Wein und Feigen sind nahezu überreif. Ständig halten wir an und rupfen das Premium-Obst von Reben und Zweigen, fühlen uns wie im Paradies. In einem optimierten quasi, ohne Schlangen und Äpfel.

In Santa Cruz, dem nächsten Dorf, machen wir Pause auf den Stufen der Mudéjar-Kirche, in der sich christliche mit maurischen Bauelementen mischen. Diese hier war laut der Infotafel die erste Moschee, die in eine Kirche umgewandelt worden war. Gegenüber stehen zwei mächtige Platanen, auf denen sich die Señoras und Señores des Dorfes zum Plausch versammelt haben. Alle suchen Schatten.

Der Weg verläuft weiter, flach und geradeaus, zwischen kargen Bergflanken, grünen Plantagen und Feldern, bis nach Alboloduy, einem wunderschönen Dorf vor einer dramatischen Felskulisse. Den Schlüssel für die Albergue bekommen wir erst später am Nachmittag, weil die Frau, die ihn verwahrt, noch arbeitet und extra herfährt, um ihn uns zu bringen. Wir legen uns so lange auf die Holzbänke vor der Kirche. Kantiges Nachmittagslicht auf weißgetünchten Häuserwänden. Farbige Blumentöpfe mit wuchernden Sukkulenten. Bunt lasierte Hausnummernschilder. Es ist Siesta. Nur ein paar Kinder trotten durch die Straßen.

Gegen vier Uhr führt uns die Hospitalera in die neue, moderne Herberge oberhalb des Ortes. Innen ist es erstaunlich gemütlich, trotz der für Refugios typischen Doppelstockbetten. Der Blick auf den Ort, eingebettet in die Hänge der Sierra, ist atemberaubend.

Wir versorgen uns im Supermarkt mit Muscheln, Oliven und Artischocken in Dosen und improvidieren Muschelrisotto zum Abendessen, während wir aus den Herbergsfenstern auf die in Abendlicht gebadeten Berghänge schauen.

Danach schnappen wir uns ein Stück Manchego-Käse und eine Flasche Wein und laufen hinauf zu einer kleinen Kapelle, die noch über der Herberge gelegen ist. Hinter uns erstreckt sich ewig weit das Tal mit dem Flussbett, den Plantagen und Feldern, zwischen denen wir hergewandert sind. Der ganze fantastische Tag auf einen Blick.

Tag 3: 7.9.

Zweifacher Monduntergang / zwischen Bergen, Gärten und Autobahnen

(Alboloduy – Abla)

Der Orion verschwindet gerade hinter den Bergen. Sechs Uhr. Los. Hinter dem Ort geht es zurück ins Flussbett. Wir brauchen kaum unsere Stirnlampen, denn das Mondlicht badet das Tal in fahlem Licht. Dann aber ich doch den Abzweig verpasst, denn die gelben Pfeil-Markierungen sind kaum zu erkennen. Karo jedoch sieht ihn. Katzenaugen. Haben die mit ihrer Manipulierbarkeit durch bettelnde Katzen zu tun? In steilem Anstieg kraxeln wir vierhundert Höhenmeter hinauf zur Carratera. So hoch, dass der eben untergegangene Mond wieder erscheint und, nachdem wir oben angekommen sind, noch einmal untergeht.

Wir setzen uns hinter der von Pinien gesäumten Straße auf eine Anhöhe und blicken in die Bergwildnis vor uns. Danach geht es wieder hinab ins Flussbett und weiter durch einen fünf Meter hohen Tunnel aus Bambusstauden.

In Nacimiento dröhnt aus der einzigen offenen Bar Partymusik bis auf die Straße. Wir schieben uns Kaffee und Bocadillo rein und verschwinden sofort wieder. Im Bambus-Flussbett geht es weiter, vorbei an Doña Maria und Ocaña. Als wir nach 27 Kilometern das Ortsschild von Abla erreichen, sind es jedoch immer noch vier weitere bis zum Ziel. Die letzten Kilometer ziehen sich ewig, entlang der Schnellstrasse, unter einem Geflecht aus Autobahnbrücken hindurch und abermals vorbei an herrlichen Vorortgärten und Feigenbäumen. In Abla beziehen wir wieder ein nagelneues Refugio mit Blick auf die Weiten Hänge und Terassen der Sierras.

Tapas und Cañas in der dunklen Bar. Ein langer, holzgetäfelter Schlauch ohne Fenster. Zum Bier bekommen wir Brotscheiben mit kleinen Flundern und Sardinen. Danach noch schnell in den Supermarkt, die obligatorische sechs Liter Wasserflasche und Joghurt fürs Frühstück besorgen.

Zwischen den wenigen Straßenlaternen der Blick in die Sierra Nevada, wie auf eine schwarze Wand.

 

Tag 4: 8.9.

Nebel über Planatagen / Katholische Könige / Brombeerstops / ein Herr lädt uns ein

Über Abla liegen kühle Nebelschwaden, als wir schlaftrunken die dunklen Strassen bergab tapsen. Vor der Carnicería sitzen die Pelzkugel-Silouetten von fünf Katzen. erste Kundschaft. Auf der Carretera sind keine Pfeilmarkierungen zu finden. Mit schlechtem Gewissen hole ich mein Handy raus und ziehe Google Earth zu Rate. Irgendwo unterhalb der Strasse, am Ende eines Beton-Rohrtunnels, der keinen Anfang zu haben scheint, sehen wir dann die erste gelbe Markierung.

Wir straucheln eine Böschung hinab, überqueren die Autobahn und finden uns plötzlich wieder zwischen lieblichen Gärten, Weinreben, Melonenfeldern und Tomatenplantagen, während der Nebel sich langsam lichtet und die Hänge der Sierra Nevada freigibt. Mit ihren braunen Gesteinsschichten ähnelt sie immer mehr dem Western-Ambiente New Mexikos, für das sie in so vielen Filmen hergehalten hat. Es ist herrlich kühl und die Sonne steht wie eine harmlose kleine Orange über den silbrigen Blättern der Olivenbäume.

Herrlicher Morgengang bis Fiñana. Hier sollen sich 1492 die Katholischen Könige Isabel und Ferdinand aufgehalten haben, bevor sie Granada stürmten, die letzte von den Mauren gehaltene Stadt. Von ihrer Burg ist hier aber nicht viel zu sehen. Unsere Aufmerksamkeit gilt ohnehin der nächsten Bar, Café con Leche und Tostadas mit Tomatenaufstrich. Um die Ecke krakeelen die Gemüsehändler. Ein Rudel Straßenhunde streunt um die Ecke.

Weiter geht es abwechselnd auf Pisten und im Flussbett, zwischen Feigen und Brombeerbüschen. Die Sonne knallt. Die Brombeeren sind klein und aromatisch. Eine gute Entschuldigung anzuhalten und Vitamine zu pflücken. Nach der Pause knallt die Sonne noch mehr. Doch Huéneja ist nicht mehr weit. Ein paar Feigen- und Brombeer-Stops weiter sind wir im Ort. Beim Altenheim holen wir den Schlüssel für die Albergue im Schulgebäude ab. Sehr funktional und wenig charmant, aber mit guter Dusche, Küche und grandiosem Blick über den Ort und auf die Sierra de los Filabres.

Abendspaziergang in den Ort, auf der Suche nach Abendbrot. Comida? No. Erst ab 21 Uhr. Uns bei unserem Tagesrhythmus zu spät. Ein paar Tapas tun’s auch. Gebratener Speck, Hamburguesa, Fisch, Bier und Wein. Ein älterer Herr lädt uns an seinen Tisch ein. Er erzählt von den Extremisten, den Nationalisten und den religiösen Fanatikern. „They are fanatics, I don’t want to talk about this.“ Spricht dann aber trotzdem davon. Will nichts zu tun haben mit all dem. Dann entschuldigt er sich, er wolle jetzt mit den anderen Herren Domino spielen. Nicht jedoch, bevor er ohne unser Wissen unser Essen bezahlt hat. Wir sind gerührt.

Todmüde fallen wir gegen zehn Uhr in unsere Doppelstockbetten. Vor dem Schulgebäude krakeelt die Dorfjugend bis nach Mitternacht.

Tag 5: 9.9.

raufende Hunde & arabische Bäder / Papst-Burg / Mandelhaine

(Abla – Huéneja)

Heute ist es merklich kühler. Mehrere Kleidungsschichten beim Losgehen sind ein Novum auf dieser Tour. Vielleicht sind es die 1500 Meter Höhe, vielleicht der nahende Herbst.

Den ganzen Tag lang laufen wir durch malerische Mandelhaine, durch Dólar, Ferreira, La Calahorra. In der Bar in Dólar laufen beim Morgenkaffee Pleiten-Pech-und-Pannenvideos aus den 80ern und 90ern. In der Tür unter dem Fernseher raufen sich zwei Dorfhunde. In Ferreira suchen wir die Baños Árabes, die Überreste der alten maurischen Bäder. Finden tun wir aber nur ein paar alte Steinmauern, die die Plünderungen der Spanier überstanden haben. La Calahorra ist dominiert von einer martialischen Burg mit vier Rundtürmen, die sich Papst Alexander VI. im 15. Jahrhundert als Burggewordene Demonstration seiner Macht auf einen Hügel bauen lies. Kurioserweise kann sie nur einmal pro Woche (nicht heute) besucht werden.

Den gesamten Tag lang geht es durch Plantagen von Mandelbäumen. Ein starker Wind bläst, am Himmel ziehen sich Wolken zusammen. Von Hitze heute keine Spur.

In Alquife, unserem Tagesziel, landen wir im malerischen, von zwei Holländerinnen geführten Landgasthaus „La Balsa“, in mitten der Mandelbäume.

Tag 6: 10.9.

Es wird kalt / Zuckerschock / ambivalente Katze / die Höhlen von Guadix

(Huéneja – Guadix)

Sternklarer Morgen, nicht mehr als acht Grad: wir ziehen alles an, was wir haben. Ein Fleece mitzunehmen erschien in Almeria fast idiotisch. Nachdem wir das Dorf durchquert haben, finden wir uns bald wieder zwischen Mandelbäumen unter einem abnehmenden Mond, während im Osten der Tag seine Fühler ausstreckt.

In Jérez del Maquesado herrscht Katerstimmung nach einer Fiesta-Nacht, in der der Dorfheilige gefeiert wurde. Wir setzen uns an eine Churros-Bude, wo die Polizeikapelle gerade nach getaner Arbeit frühstückt. Frittierte Teig-Schlangen, gefüllt mit Nutella, Bueno oder „Kinder“. Dieser Quark mit Produkten von „Kinder“, wo es doch ursprünglich nur um eine Überraschung für Kinder ging. An der Dönerbude nebenan steht die Dorfjugend, aufgebrezelt wie zur Konfirmation. Man bringt uns Churros und Kaffee. Wir fackeln nicht. Die heiße Schokolade sieht auch gut aus, also bestellen wir die auch noch! Zucker und Fett en Masse! Der Churros-Verkäufer schenkt uns noch einen kleinen extra Berg Churros dazu.

Unter Zuckerschock laufen wir weiter durch Cogollos de Guadix und später einen Berghang entlang, von dem aus wir einen atemberaubenden Blick auf die Tiefebene im Morgensonnenlicht haben. Die Sicht reicht zu weit, um alles erfassen zu können.

In einem Café treffen wir die erste zutrauliche Katze. Normalerweise trauen sie einem nicht, da sie von niemandem Zuwendung zu bekommen scheinen. Diese jedoch spielt auf Karos Schoss mit ihr, als wären sie zusammen aus der Tierliebe-Fabrik gekommen. Mir hingegen beißt sie in den Finger.

Der Weg verläuft weiter durch Sandstein- und Lös-Canyons, vorbei an bizarr ausgewaschenen rötlichen Erdfelsen, die an die Wüsten Boliviens oder Arizonas erinnern. Überall im Gestein sieht man Höhlen, die immer wohnlicher werden je näher wir Guadix kommen. Mit schicken weiß getünchten Fassaden, Vorgärten und allem Pipapo. Angeblich herrschen in den Räumen konstant 20 Grad, im Winter und im Sommer.

Guadix ist der größte Ort auf unserem Weg zwischen Almería und Granada. Im Zentrum hat man fast das Gefühl in einer Stadt zu sein, doch in jeder Richtung erblickt man die Gesteinswüste, die den Ort umgibt. Die Kathedrale wirkt etwas überdimensioniert, ist jedoch wunderschön. Leider ermüden mich die vielen Details dermaßen, dass mir nach fünf Minuten die Augen zufallen. Heute ist nicht viel los, da Sonntag ist. In einer schicken Bar sitzen wir bei Rotwein und Hamburguesa-Tapas und blicken in die Wüstennacht.

Tag 7: 11.9.

Touristenfalle / Pilgergeschichten / Füße hoch in der Schule

(Guadix – La Peza)

Wir verlassen die ungewohnt breiten Stadt-Straßen und laufen durch die engen Gassen des alten maurischen Viertels hinaus aus Guadix. Im Örtchen Purullena reiht sich ein Geschäft mit bunt bemalter Keramik an das nächste. Wir tappen in die für uns bereitgestellte Touristenfalle und schlagen sofort im ersten Geschäft zu, das clevererweise einen Streichelzoo vor dem Laden platziert hat, um Kundschaft anzuziehen. Mit einer hübschen Orangen Schale für Tapas-Imitationen zu Hause im Gepäck geht es weiter durch Marchal und Baños, die zur Hälfte aus Höhlenwohnungen zu bestehen scheinen. Im Pinienwald machen wir Pause mit Brot, Käse und Tomaten aus dem Dorfladen. Wespen und Fliegen sind wie immer mit dabei. Ein paar Spaziergänger kommen vorbei. Selbst Pilgerveteranen vom Camino Frances. Wir erzählen einander Geschichten, dann ziehen sie weiter, während wir noch ein bisschen im kühlen Wind sitzen.

Der Nachmittag zieht sich hin. Es geht ewig geradeaus, vorbei an Pinien, Buchen und Brombeersträuchern, ein sandiges Flussbett entlang. Dann weiter auf der Carretera, die sich pittoresk zwischen den braunen Felsen und über eine alte Steinbogenbrücke schlängelt. Hinunter und hinauf, kilometerweit unter der brennenden Sonne. Dann, auf einer Art Gipfel, sehen wir La Peza in einem Kessel unter uns liegen, malerisch dahin drapiert. Ein paar letzte Kilometer hinab, vorbei an einer hübschen Kapelle, dann stehen wir am Brunnen vor der Dorfkirche, wo uns Celia vom Ayuntamiento mit dem Schlüssel zur Albergue im Schulgebäude bringt. Wir machen uns wie meistens sofort daran, Klamotten zu waschen. Meine tropfnasse Hose ist in der knallenden Sonne innerhalb von einer Stunde staubtrocken. Meine Füße bringen mich um. Ich lege sie hoch auf den Stuhl und mache mir ein Bier auf. Auf der Schultafel vor mir haben unsere Vorgänger sich verewigt: „Welcome, Peregrinos!“

Tag 8: 12.9.

Horrorhunde / ein Tag ohne Bar / Hund Carlos nervt

(La Peza – Quesar)

Wir verlassen La Peza vor Morgengrauen. Der Orion, der Halbmond – die ganze Mannschaft steht noch hell leuchtend am Nachthimmel, als wir unsere Trinkbehälter am Brunnen unter der kugelrunden Dorfplatane füllen. Mit unseren Stirnlampen laufen wir in die Nacht. Als wir von der Seite ein aggressives Kläffen hören und in die Richtung leuchten, reflektiert das Licht in den Augen zweier wie tollwütig an ihren Ketten reißender Hofhunde. Nur die grün leuchtenden Augen sind zu sehen. Ein Alptraum! Wir schalten die Lampen aus und laufen im Mondlicht. So verpassen wir einen Abzweig und finden uns plötzlich weit oberhalb des Caminos, den wir im Dunkeln mit Hilfe von Google Earth wieder finden.

Langsam tauchen im müden Morgenlicht die Olivenhaine auf, die Landschaft weitet sich abermals in atemberaubende Blicke auf die Berggipfel der Sierra Nevada. Sobald die Sonne etwas höher gestiegen ist, brennt sie wieder erbarmungslos wie am ersten Tag. Das Licht reflektiert so stark auf dem hellen Weg, dass ich mehrmals checke, ob ich wirklich meine Sonnenbrille aufhabe. Kein Dorf heute auf dem Weg, keine Bar mit Morgenkaffee, nur schattenlose Hügel und lichte Pinienwälder. Riesig sind die buschigen Kronen der Pinien, wie grüne Wolken, manchmal wie Atompilze geformt, die Nadeln dick und gummiartig.

Die Strecke zieht sich ewig hin, fühlt sich endlos an. Vielleicht wegen der fehlenden Kaffepausen, der fehlenden Kulturlandschaft, Gärten und Plantagen. Irgendwann passieren wir die Steinbrüche von Quesar. Gigantische weiße Gesteinswulste, die Innereien der Berge, bloßgelegt und anmutend wie in Stein gehauene herabstürzende Schneelawinen.

Die ersten Häuser von Quesar. Trügerisch. Denn bis zur Herberge ist es noch mindestens eine Stunde. Wir sind völlig am Ende. Und umso glücklicher, als die Albergue sich als wahre Oase entpuppt, mit Pool, Einzelzimmern, Küche und Terrasse mit Blick auf die imposanten Felshänge.

Axel von der Herberge wundert sich, dass die meisten „Pilger“, die hier durchkommen, sich über die Schlichtheit der Räumlichkeiten beschweren, als erwarteten sie, hier hofiert zu werden, weil sie dreißig Kilometer gelaufen sind. Habe Pilgerschaft nicht etwas mit Demut und Genügsamkeit, mit dem „einfachen Leben“ zu tun? Wir sind einfach überglücklich, nach diesem anstrengenden Tag hier zu sein. Nur Junghund Carlos nervt, da er mich unentwegt ankläfft, während er Karo die Hand ableckt.

Der letzte Abend auf dem Camino. Reis mit Muscheln aus der Dose und Tomaten. Die Sterne über den Berghängen.

Tag 9: 13.9.17

Alhambra und Granada

(Quesar – Granada)

Wir folgen einem kleinen Fluss durch dichte Vegetation. Im dicht umrankten Flussbett machen wir Pause. Es tropft, es plätschert, es ist kühl. In Dúdar finden wir die erste Bar mit Café con Leche. Letzte Blicke auf die Weiten der Sierra Nevada, während wir immer in Flussnähe durch Plantagen talwärts laufen. Der Weg verläuft rechterhand und weit oberhalb des Flusses.

Vor uns sehen wir die ersten Häuser von Sacromonte, einem äußeren Viertel Granadas. Ich blicke nach unten und merke, wie der Schotterweg unter unseren Füßen zu Asphalt wird. Wir laufen neben einer brusthohen Mauer, hinter der sich das Flusstal mit seinen Gärten, weißen Villen und roten Dächern erstreckt. Weit vor uns, jenseits des Tals, erscheinen wuchtige Mauern und Türme und wir bleiben stehen. Es ist unser erster Blick auf die Alhambra. Wir nehmen uns Zeit für diesen Moment. 200 Kilometer sind wir gelaufen. Das Ziel liegt direkt vor uns. Granada.

Im warmen Nachmittagslicht stehen wir schließlich auf der Plaza Nueva inmitten der Altstadt Granadas stehen. Um uns herum schicke Stadtleute, Touristen, Autos und Segways. Wir schauen noch einmal zurück, zwischen den Häusern sehen wir die kargen Hänge der Sierra Nevada. Wo niemand ist. Nur die Sonne, die Pinien, die verschlafenen Orte. Für eine Weile konnten wir uns ausklinken. Jetzt merken wir, wie gerne wir einfach weiterlaufen würden. Der Camino endet hier nicht. Er führt weiter über Cordoba und Merida bis nach Santiago. Ein anderes Mal.

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