Ecuador: Höchster Berg der Welt

CHIMBORAZO

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Wenn Alexander von Humboldt eitel war, dann besonders in einer Sache. Sein Leben lang war er überzeugt und stolz darauf, als erster und einziger Mensch den höchsten Berg der Welt (fast) bestiegen zu haben. Zwar musste er einige hundert Meter unterhalb des Gipfels vor einer Gletscherspalte kapitulieren, aber in Reisebekleidung seiner Zeit auf 6000 Meter gelangt zu sein, scheint heute fast unvorstellbar. Auf Portraits ließ er sich denn auch mit Vorliebe mit dem Chimborazo im Hintergrund abbilden.
Humboldt war jedoch weder bewusst, dass dieser weder der höchste Berg , noch dass er sehr wohl vor ihm zu präkolonialen Zeiten von den Einheimischen erklommen worden war. Trotzdem ist kaum ein Ort auf seiner fünfjähriger Reise durch den amerikanischen Kontinent so exemplarisch für Humboldts Entdeckungsbesessenheit und Abenteuerlust wie der Chimborazo. Gelegen in der Mitte Ecuadors an der von Humboldt benannten Straße der Vulkane, unweit der einstigen Landeshauptstadt Riobamba. Von Guayaquil aus machen wir uns noch einmal auf den Weg ins Landesinnere, um in Riobamba unsere letzten zwei Tage in Ecuador zu verbringen.

Im Rother Wanderführer ist von einer „Genusswanderung“ zu einer Aussichtsplattform mit herrlichem Blick auf den Chimborazo die Rede. Wir packen einen Rucksack voll mit Winterkleidung und Fressalien und nehmen von Riobamba aus den ersten Morgenbus Richtung Casa Condor, einer indigenen Siedlung, wo die Tour beginnt.
Der Morgen ist wolkig. Ein immenser Berg thront über der Carretera. Da die schöne Aussicht jedoch erst nach zwei bis drei Stunden Wanderung erreicht werden soll und die Karte den Chimborazo weiter nördlich verzeichnet, muss es ein anderer sein. Straße der Vulkane halt. Scheinbar gibt es davon einige hier. Wir suchen den laut Rother an einer kleinen Schlucht abzweigenden Pfad ins Paramo, können ihn jedoch nicht finden. Stattdessen werden wir von zwei plüschigen Hundewelpen angefallen. Schlappohren, Tapsepfoten, schwarze Schnauzen bohren sich in unsere Hände – das ganze Programm. Karo ist völlig außer sich, die Mission scheint gefährdet. Denn darüberhinaus ist von einem Pfad absolut nichts zu sehnen. Wir kraxeln also quer durchs weglose Gelände, an der Schlucht entlang hinauf auf ein Hochplateau. Es ist eine furchtbare Plackerei. Denn was von weitem leicht begehbar aussieht, entpuppt sich als hüfthohe, borstige Büschel staubigen Grases, das sich nur mühselig und mit großen Schritten durchqueren lässt. Alle paar Meter halten wir, schnappen nach Luft. Auf fast 4000 Meter sind wir innerhalb eines Tages vom Meeresspiegel gereist. Unsere spontan-verquere Reiseroute hat uns dazu verleitet, wodurch wir nicht an den geringen Sauerstoffgehalt der Luft angepasst sind. Das rächt sich nun.

Wir keuchen weiter, immer um den großen Berg herum, hinter dem wir den Chimborazo vermuten. Doch während sich auf dem Riesen vor uns jetzt der gletscherbedeckte Gipfel zeigt, sind am Horizont nur Wolken zu sehen. Nach zwei Stunden stehen wir auf einem Hügel. Laut Buch hätten wir in der Hälfte der Zeit hier sein sollen. Wir sind jedoch schon jetzt völlig fertig. Dazu ziehen von zwei Seiten Gewitterfronten heran. Karo drängt dazu, die Tour abzubrechen und sich zur Carretera durchzuschlagen. Noch nicht einmal die Hälfte des Weges ist geschafft und unsere Kräfte gehen spürbar zur Neige. Ich bin sauer. Besonders weil sie Recht hat. Doch heute ist die letzte Chance den Berg zu sehen. Die letzte Möglichkeit, bevor wir das Land Richtung Peru verlassen.

Die Gewitterfronten rücken immer näher. Am Horizont machen die Wolken dicht. Kein Chimborazo. Karo ist bereits Richtung Straße unterwegs. Aus Frust setze ich mich hin und esse eine ganze Tüte kandierte Erdnüsse. Der Berg vor mir ist wie zum Hohn jetzt in seiner ganzen Pracht zu sehen. Martialisch durchziehe tiefe Furchen dass braun-rote Lavagestein. Der Gletschergipfel fließt daran herab wie Sahne auf einem von Gott gebackenen Kuchen.
Ich diriliere bereits. Karo ist ein kleiner dunkler Punkt zwischen der zwei Kilometer entfernten Straße und mir. Mir wird zusehends schwindliger. Wenn die Wolken den Himmel freigeben, knallt und sticht die Sonne. Es wird immer schwerer, die Füße über die hohen Grasbüschel zu heben. Ich wanke, strauchle, fange mich. Die Straße sieht verdammt weit entfernt aus. Frage mich, ob ich das schaffe. Vor mir taucht eine Herde Vikunjas auf. Halbwilde, mit Lamas verwandte Tiere, die nur ab einer Höhe von 4000 Metern vorkommen. Nervös wie Rehe. Halten Distanz. Nicht übermäßig viel jedoch. Merken wohl, dass ich in meiner Verfassung keine allzu große Gefahr darstelle. Irgendwie motiviere ich mich dazu, Fotos von ihnen zu machen. Muss weiter zu Karo. Bin schließlich bei ihr. Sieht auch völlig fertig aus. Wir stehen in der sonnenbeschienenen Ebene zwischen Vikunjas und dem gigantischen Riesen im Hintergrund. Völlig ausgelaugt positioniere ich die Kamera und uns beide für ein Selbstauslöserfoto. Dann bloß zur Straße!

Mir wird plötzlich furchtbar schlecht. Staub, Hitze, Höhe, Magen voller kandierter Nüsse. Jemand nimmt uns ein Stück bis zur zurück nach Casa Condor mit, wo wir auf den Bus zurück nach Riobamba warten. Nachdem das Auto außer Sicht ist, übergebe ich mich am Straßenrand. Ein Schwall aus Wasser, Magensäure und kandierten Nüssen. Wie bei einem Exorzismus, von Dämonen besessen. Immer und immer wieder. Als ich längst leer bin, krampft mein Magen immer weiter. Nach zehn Minuten noch ein Anfall. Der Magen krampft und krampft. Dann kommt der Bus. Ich überstehe die Fahrt ohne Zwischenfall, dann werde ich im Hostel noch zweimal heimgesucht, bevor die 1000 Meter geringere Höhe Riobambas und Karos Einkäufe aus der Farmacia mich wieder auf die Beine bringen.

Ich denke an den Berg. Und an das kurze Gespräch mit dem Autofahrer, der uns mitgenommen hatte. „Como se llama esta montaña?”, fragte ich mit Blick auf den Riesen, der uns den ganzen Tag begleitet, auf uns herabgeblickt, uns niedergedrückt hatte. Der Fahrer schaute nicht mal hin. „Chimborazo!“

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