Ecuador: Höchste Hauptstadt

In Quito

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Ankunft im Hochtal

Es ist grau. Das milchige Häusermeer Quitos schmiegt sich an die Vulkanhänge des Pichincha, deren blasses Grün in die niedrige Wolkendecke übergeht und mit ihr verschwimmt. So wie alle klaren Kontraste hier im Hochtal der alten Hauptstadt des nördlichen Inka-Reiches.
Von seinem indigenen Ursprung gibt Quito auf den ersten Blick nicht viel preis. Türme kolonialer Kirchen und Klöster ragen aus dem Würfelmeer der Altstadt, dominieren den Blick von der Dachterasse unseres Hostals. Linkerhand liegt der El Panecillo, der Brötchenberg, ein prominenter Hügel neben der Altstadt, von den Conquistadores sofort als militärisch bedeutsam in Besitz genommen, jedoch zuvor bereits elementarer Verteidigungsposten der Inka. Und so verschwimmt die Realität die sich dem Auge bietet mit der Vorstellung einer Stadt, die sich vor tausenden von Jahren in diesem Hochtal zwischen den Andenkordilleren zum Knotenpunkt des Handels entwickelte. Zwischen den Küsten des Westens, dem Andenhochland und dem Amazonastiefland des Oriente. Auch sie schmiegt sich, um vieles kleiner, an die Berghänge, wird in Besitz genommen durch die ihre Finger nach diesem nördlichen Handelszentrum ausstreckenden Inka, dann erobert durch die einfallenden Konquistadoren. Man sieht die Stätte des Inkapalastes entweiht, bebaut, und das Franziskanerkloster „San Francisco“ entstehen. Unbarmherzige Dominanz, grandiose Pracht, eine Kirche nach der anderen Worten errichtet durch spanischen Willen, von indigenen Händen – ein zweites Rom, eine ewige Stadt im neuen Spanien.
Heute ist Quito angeschwollen bis weit jenseits unseres Blickfeldes, verliert sich im Nebel entlang des Hochtals und in den funktionales Stahl und Glas Ungetümen des modernen Mariscal im Norden.

Die Ankunft gestern Abend bot uns das vertraute Bild staubiger Zubetoniertheit, das man aus südeuropäischen Großstädten kennt. Während der halbstündigen Taxifahrt vom Flughafen konnten wir lange Züge von Quiteños beobachten, die sich die endlosen Betonpisten entlang, teilweise auf dem Seitenstreifen der Fahrbahn, stadtauswärts bewegten. Der Tag der Jungfrau von Quinche, informierte uns der Fahrer. Die ganze Nacht hindurch bis vier Uhr morgens seien die Leute zur sieben Kilometer entfernten Kirche von Quinche unterwegs, wo stündlich Messen stattfänden. Snacks an der Schnellstrasse um die viele Stunden lang den Beton entlanglaufenden Pilger zu versorgen.
In unserem Hostal „Secret Garden“ erwartet uns ein kleines hölzernes Zimmerchen und eine herrliche Dachterasse, bevölkert von einer feiernden Schar zwanzigplus-jähriger Backpacker. Unser Blick aber gilt den Hügeln der Anden, der weiten Dunkelheit des Hochtals, auf dem die Lichter der Stadt tanzen.

Durch die koloniale Stadt

Mattes Licht fällt durch ein kleines Viereck. Unser Fenster misst nicht mehr als fünfzehn mal dreißig Zentimeter und gibt einen winzigen Blick frei auf die milchige Stadt unter einem tiefen grauen Himmel. Kaffee ist kostenlos und Frühstück eine Kombination aus Eiern, Müsli Brötchen, Marmelade und Obst, die uns bald sehr vertraut sein wird.
Befrühstückt in die Stadt. Wir sind heute Touristen, folgen also der vom Michael Müller Verlag vorgeschlagenen Route „Quito an einem Tag“ durch die Altstadt. Geradlinige zweistöckige Häuserfronten – grau, weiß, beige, selten auch mal pastellblau und rosa, davor einfache, schwarze, gusseiserne Balkongitter. Oft ragen die Dächer mit hölzernem Unterbau etwas über den Gehsteig, angepasst an den fast regelmäßig zur Nachmittagszeit einsetzenden Regen. Zwischen den kolonialen Häuserfassaden zieht sich dunkles Strassenpflaster bergan, bergab. Diese strenge Schlichtheit erinnert an La Orotava auf Teneriffa, die andere regengraue Stadt jenseits des Atlantik. Letzte Station der Europäer vor der Atlantiküberquerung nach Westindien. Eine Seereise, die heute leider nur noch in teuer bezahlten Luxuskajüten oder schwer zu planenden Crewfinder-Überfahrten möglich ist. Zeitalter des Fluges, der Reduzierung einer Reise auf Transport innerhalb von Stunden. Wie entwürdigend einem interkontinentalen Abenteuer gegenüber.

In Quito ist Sonntag. Die Innenstadt ist für Autos gesperrt und bevölkert von Strassenmusikern, Snackverkäufern und flanierenden Sonntäglern. Touristen, europäisch gekleidete Einheimische, Herren im Anzug und der Würde der 1920er Jahre, sowie archaisch anmutende Andengesichter. Viele von ihnen so klein, dass sie uns zu übersehen scheinen. Wir probieren gekochte Saubohnen mit kleinen Kartoffeln. Erste Geschenke Südamerikas an das getreidegewöhnte Europa. Die Saubohnen undefinierbar lecker gewürzt, die Kartoffeln von unbekannt fest-weicher (ja!) Konsistenz. „Un Dollar!“ Diese Antwort auf die Frage nach dem Preis wird bald zum Mantra, egal ob es um gekochte Maiskolben, Steckdosenadapter oder Geldbörsen vom Kleinwarenhändler geht. „Cuanto cuesta?“ – „Un Dollar!“
Ein paar Meter weiter bringt eine Strassenkapelle ältere Herren, Damen und Kinder zum tanzen. Zwei Gitarren (eine davon von Hinter- und Rückseite bespielbar), Panflöten und Rhythmus vom Drum-Pad. Der Sänger peitscht patriotische Rufe in die Menge. „Viva nuestra ciudad, viva Quito!“, „A la musica mejor del mundo, la musica ecuadoriana!“ Und weiter peitschen die Planflötenrhythmen. Wie wunderbar einfach, sich am Nationalstolz eines anderen Landes erfreuen zu können.

Der Strassensnack hat nicht lange vorgehalten, also finden wir uns bald in einem Café oder Restaurant oder einer Mischung aus beiden wieder. Außen unscheinbar eröffnet sich innen ein kleiner feierlicher Kolonialhof, von dem aus eine Treppe durch einen maurischen Rundbogen in den ersten Stock mich Blick zur Strasse hinaus führt. Der Charme vergangener Zeiten, vielleicht der fünfziger Jahre, hat sich hier ungetrübt durch die letzten Jahrzehnte gehalten. Schon sieht man Spione in auffällig unauffälliger Kleidung im Nachhall des zweiten Weltkrieges bei Empanadas und Cerveza „Pilsener“ flüsternd Informationen über versteckte Altnazis austauschen. Rick’s Café in Ecuador. Heute sitzen nur Einheimische an den Tischen und lassen Gutes über die Küche vermuten. Die nette Bedienung stellt alsbald zwei Teller mit Speisen namens Quimbolitos und Humitas vor uns hin und wir entdecken darin in Blättern gebackene süße bzw. herzhafte Maisspeisen. Die Blätter bitte nicht mitessen, bedeutet uns lächelnd unsere Tischnachbarin, als wir etwas ratlos in den unbekannten Gerichten herumstochern.
Plötzlich schieben sich zwei Herren mit Bleistiftbart und schwarzen Anzügen zwischen den Stühlen hindurch, positionieren sich mit ihren Gitarren und beginnen Volkslieder zu singen. Zweistimmig erhebt sich der Gesang über Basslinie und rhythmische Melodiesprenkel, vorerst unbeachtet von der sich unterhaltenden Menge. Dann jedoch wenden sich immer mehr Gesichter den Sängern und zu beginnen zwischendurch nach bestimmten Liedern zu rufen. Würde, Zuversicht und Melancholie durchziehen den Gesang, spiegeln sich in den andächtig lauschenden Gesichtern, im Beifall, in den spontanen Tränen mancher Frauen. Noch ein paar Zugaben, Beifälle und dann sind sie fort und alles kehrt zur Tagesordnung zurück. Unten im Hof fast das Gegenteil. Die beiden lassen ihre zwei Stimmen durch den Raum ziehen, die Leute essen, reden, niemand hört zu. Schicksal der Tischsänger.

Die Leute aus unserem Teil des Restaurants versammeln sich derweil auf der Strasse um einen kleinen Holzkasten. Wie uns der Kellner erklärt, handelt es sich beim Inhalt um eine Urne. Die Herren lassen sich damit lächelnd fotografieren, ein junges Mädchen nimmt die Kiste dann wieder an sich. Vielleicht ist ihr Großvater darin und wird zum Sonntagsspaziergang mitgenommen? Schöne Vorstellung.
Ein guter erster Tag in Quito. Mais, Bohnen, Kartoffeln und Musik. Wir sind auf dem richtigen Kontinent gelandet.

Reisevorbereitungen und die Suche nach Humboldt

Um halb sieben sitzen wir vom europäischen Zeitgefühl aus dem Schlaf gezwungen auf unserer Dachterasse. In einer Stunde erst wird es Frühstück geben. Wir gehen also die Liste für unsere Besorgungen in Quito durch, bevor wir die Stadt morgen verlassen. Detaillierte Karten für Trekkingtouren, Gaskartusche, Telefonkarte.
Gutes Kartenmaterial für Ecuador gibt es nur an einer Quelle: Beim Militär. Wir machen uns also auf zum Instituto Geografico Militar, das sich im neueren Teil der Stadt auf einem Hügel neben dem Planetarium befindet. Im Werktagsgewusel traben wir durch kleine Parks mit schüchternen Bäumchen, über zwitschernde Fußgängerampeln, vorbei an singenden Straßengitarristen (immer mit Publikum) und entlang der unvermeidlichen Betonpisten zur Militärbasis. Die kleine Steigung den Hügel hinauf erinnert uns wieder an die 2850 Meter Höhe, auf der sich Quito als welthöchste Hauptstadt befindet. Ein paar Stoßatmer mehr, dann geht’s wieder.
Nachdem mir der Pass von einem Offizier mit freundlich-unnachgiebiger Miene abgenommen wurde („Para nos seguridad!“), sagen wir der Offizierin in der Tienda de los mapas unsere Orte, für die wir Karten brauchen. Sie findet dann die passenden Ausschnitte 1:50000 im Computer und wieder ein anderer Offizier druckt sie dann für uns aus. Das Ganze kostet uns drei Dollar pro Karte.

Der Rest unserer Besorgungen ist schnell gemacht und zurück in der Altstadt kehren wir wieder in unserem 50er Jahre Café ein. Wir kommen mit einem Österreicher und seinem einheimischen Führer ins Gespräch. Letzteren frage ich, ob er von Orten in Quito weiß, die mit Alexander von Humboldt zu tun haben. Humboldt, der in Südamerika nach der Verbindung zwischen Orinoco und Amazonas forschte, Wissenschaftler des ganzheitlichen Blickes, vorbildhafter Landsmann und Preusse. Jemanden, der ein Vermögen erbt und dieses einzig in Erkenntnis, Wissen (und Abenteuer) investiert, ohne sich in ausschweifendem Leben, Prunkbauten und Prestige zu verlieren, kann man getrost idolisieren. Mehrere Monate verbrachte AvH während seiner fünfjährigen Südamerikareise in Quito. Hier und da könnte also doch noch etwas an ihn erinnern. Unser Tischnachbar schaut mich erstaunt an. Ich sei der erste Deutsche, der ihn je nach Humboldt gefragt habe.
Ganz überrascht bin ich nicht. Der gesamte amerikanische Kontinent ist übersät mit Orten, die Humboldts Namen tragen. Doch in Deutschland ist dieser zwar bekannt, lange aber nicht so im Bewusstsein der Menschen verankert wie, sagen wir, der Einsteins, Goethes oder Bismarcks.
Nun gut: es gäbe in der Tat ein Haus am Platz Santo Domingo, das gerade renoviert werde und in dem Humboldt einige Woche gelebt und eine Einheimische geschwängert habe. Tatsache?, hebe ich fragend die Augenbrauen. Ja! Der Name des Kindes falle ihm jetzt nicht mehr ein, aber schwanger sei sie gewesen, unterstreicht er zur Sicherheit mit einer Kugel-Geste vor dem Bauch. Aha, sehr interessant und vielen Dank, verabschieden wir uns und eilen zum besagten Ort. Dort finden wir tatsächlich besagtes Haus, leider auf Grund der Renovierungsarbeiten verschlossen. Wir gehen zum Laden nebenan. Buenos dias und stimmt es, dass das nebenan die casa de Alejandro de Humboldt gewesen sei? Die Ladenbesitzerin schaut verwirrt, blickt in Richtung nebenan. „Alejandro? No.“ Der Rest des Namens war wohl noch obskurer für sie, als die Idee, dass das Haus einem Alejandro gehören könnte. Wir gehen also noch eine Tür weiter, der eines neuen Hotels und ich klingele: Könnten wir bitte, weil ich sei aus Deutschland und ein muy famosa persona, se llama Humboldt habe da drüben gewohnt und wir würden gern mal von Ihrem Hotel ver en el patio. Wäre das ok? Der Hotelbesitzer ist gern bereit, bittet uns ihm nach oben zu folgen und führt uns tatsächlich auf die hintere Terasse, von wo aus man etwas vom Hinterhof des weißen Hauses sehen kann. Leider ist alles eine einzige Baustelle. Die Form der Räume, des Hofes, des Gebäudes ist jedoch noch auszumachen und mit etwas Fantasie lässt sich ausmalen, dass dies einst das Haus gut betuchter Leute war, bei welchen Humboldt auf seiner vom spanischen Hof unterstützten Reise meist unterkam. Ja, dies sei tatsächlich das Viertel der „personas importantes“ gewesen, nah am El Panecillo. Heute lebten hier Leute aus unteren sozialen Schichten und daher sei es leider gefährlich geworden, dort allein hinaufzugehen. Das historische Erbe seines Standortes freut den Hotelier jedoch sichtlich und er führt uns durch jedes einzelne Zimmer seines nagelneu restaurierten Hotels, das nächste Woche eröffnet werden soll. Im Kolonialstil eingerichtet mit Balkonen und dann Empfangshalle herum und auf die Plaza hinaus ist es vom Stil her eigentlich sehr schön und fast sind wir versucht, seine ersten Gäste zu werden. Die kitschigen Plastikblumen und Gemälde von Einhörnern an den Wänden halten uns dann aber doch davon ab.

Wir bedanken uns herzlich, machen noch ein Foto mit unserem Hotelier und laufen durch den nachmittäglichen Regen, über zwitschernde Ampelkreuzungen, die dunklen Pflaster Quitos entlang zurück zu unserem Hostal. Morgen brechen wir auf nach Norden. In die Nebelwälder. Die Regenwälder. Nach Mindo.

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