Norwegen: Hardanger Vidda

Nordische Wildnis

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– 04. August –

Über die See

1

Der Wind zerrt an den Haaren. Mach mal, denke ich, solange ich noch welche habe. Herrlicher Wind. Herrlich, wie die Haare in alle Richtungen gleichzeitig zausen. Ich blicke auf den breiten Streifen im Wasser, den die Fjord-Line Fähre auf der Ostsee hinterlässt, während sie gemütlich vom dänischen Hirtshals nach Langesund an der norwegischen Südküste brummt. So gut, endlich wieder auf der Ostsee unterwegs zu sein. Die Luft leicht klebrig, alle Töne der Farbe Grau zwischen wolkigem Himmel und bleierner See. Die See. Wie profan dagegen das neutrale „Meer“.

Kinder spielen irgendein Spiel auf dem Heli-Pad, bei dem man viel läuft und springt. Möwen schweben faul im Aufwind der Fähre. In den Ecken dösen Passagiere ohne gebuchte Sitzplätze mit Isomatten oder Schlafsäcken. Alle frösteln etwas und halten sich mit Fotografieren und Umherschauen beschäftigt. Futtern mitgebrachtes an den Holztischen.

Ich liebe es über die Ostsee nach Skandinavien zu fahren. Die Luft an Deck ist mollig im Sommer, reißend im Winter. Die Maschinen dröhnen freundlich und über Wasser und Fähre liegt eine Ruhe, wie sie nur der Ostsee eigen ist. Völlig anders als das lebenslustige Treiben auf den Fähren zwischen den griechischen Inseln etwa.

Die Sonne kommt raus und malt das Helipad hellgelb. Nordisches Licht: ein Geschenk. Plötzlich werfen die Dinge Schatten. Kinder mit platinblonden Haaren, strahlenden Gesichtchen und unheimlich fit und gesund anmutenden Eltern. Skandinavier. Am Klima gestählt.

Unten im Bauch der Fähre steht ein weißer Twingo. Was für ein Auto. Schon der Name klingt komplett lächerlich. Und Weiß ist bei jedem Auto ein Alptraum. Nachdem meins in Berlin von einem Volvofahrer über eine rote Ampel hinweg zerfahren worden ist, hat mir seine Versicherung freundlicherweise diese Einkaufstüte auf Rädern zu Verfügung gestellt. Alle Autodecks sind der Orientierung halber nach – das bringen nur die Norweger – Popsongs benannt. „Moonlight Shadow“ zum Beispiel, oder auch „While My Guitar Gently Weeps“. Da hätte ich nicht ungern gestanden. Mein Deck heißt „Lucky Lips“. Mir aus einem weißen Twingo heraus Blicke von schönen Norwegerinnen einzufangen kann ich mir wohl allerdings abschminken.

Norwegen

14 Uhr. Nach viereinhalb Stunden Fahrt schieben sich die ersten vorgelagerten Inseln und Schären der norwegischen Südküste zwischen Himmel und See. Die Fähre fädelt sich ein in das zerklüftete Labyrinth der norwegischen Küste.

Kurz darauf folge ich der Straße von Langesund an der Küste entlang nach Helvetsvatten, wo ich O’Conner treffe. O’Conner ist Australier und vor vierzig Jahren in Norwegen gelandet. Von hier aus machte er sich im Jahr 2003 nach Spanien auf, um den Camino de Santiago zu laufen, wo wiederum ich ihm dann begegnete. Wir waren damals die einzigen beiden auf dem Camino, die Hüte mit Krempe trugen, wodurch es für uns unmöglich war, uns nicht kennen zu lernen.

Nun haben wir 5 Tage auf der Hardanger Vidda vor uns, dem größten Hochplateau Europas. O’Conner kennt die Vidda gut. Hat sie in fast alle Richtungen durchlaufen und entschieden, dass der Westen des Plateaus den eindrucksvollsten Einstieg für mich bietet. Nachdem wir unsere Laufkondition gut genug kennen ist das einzige, was er mir vorher eingeschärft hat, dass die Vidda kein Camino ist. Zu steinig der Untergrund, zu groß die Gefahr, bei schlechtem Wetter isoliert zu werden und keine Hilfe zu bekommen. Kein Handy-Empfang, keine Straßen. 8000 Quadratkilometer.

Kurz nach meiner Ankunft sichten wir die Ausrüstung. Pullover werden gewogen, Sandalen zum Queren der Flüsse ausgewählt, Vorratsmengen durchgerechnet. Sieht gut aus. Nur eins habe ich vergessen. Meinen Hut. Allzweckschutz gegen Sonne und Regen. Ich bekomme einen von O’Conners Akubra Hüten. So wird man uns für gleich zwei Australier halten.

– 05. August –

An den Fjord

2

Wald, Wald, Wald. Der Schutz von Waldbeständen, ja ein Fällverbot für Nadel- und Laubgehölze im eigenen Garten wäre in Norwegen etwas Groteskes. Alles hier ist dermaßen von Wald bedeckt, dominiert, bedrängt, dass jeder gefällte Baum Erleichterung bedeutet.

Sattes, tiefes Dunkelgrün unter freundlich blauem Himmel. Die norwegischen Farben im Sommer. Nur vereinzelte rote, weiße Hütten, während der Bus dem grauen Asphaltband folgend durch die Berg und Seenlandschaft der Telemark fährt.

Nach einigen Stunden Fahrt gewinnt die Umgebung an Weite. Die engen waldbewachsenen Täler öffnen sich zu baumlosen Seen- und Flussebenen, Bergmassive ragen in der Ferne auf. Hier und da liegt Schnee, die Sonne tanzt auf tausend Wassern. Norwegens Hochland zieht in all seiner Unnahbarkeit an uns vorüber. Kirchen, Holzkaten, grasbewachsene Dächer. In Wiesen und Täler gerahmte glitzernde Flüsse, wie aus einem idealisierten Werbefilm der Norwegischen Touristenvereinigung. Überall möchte ich anhalten und mit dem Faltboot einsetzen, das ich ja gar nicht dabei habe. Dort steht der Fluss zehn Zentimeter flach über dem Geröllbett, schimmern Sand und Gestein durch das karibisch-blaue Wasser, hier verliert er sich in dunkelster Tiefe. Mein Auge rast nach links, rechts, zurück, kann all die Eindrücke nicht aufnehmen, die sich am Busfenster bieten. Zum Glück gibt es kilometerlange Tunnel. Ruhepausen für die Sinne. Bis das Licht von vorn hereinbricht und den Blick auf die nächsten strahlenden Flüsse, Bergwände, herabstürzenden Wassermassen freigibt.

Die Fahrt verlangsamt sich. Vor uns ein Convoy aus ca. zwanzig Autos, angeführt von einem Bus mit Wohnwagenanhänger. Bloody Tourists, murmelt O’Conner, too bloody scared to drive on norwegian mountain roads, holding up the whole traffic! Wir zuckeln alle samt hinter dem Wohnwagen her. Eine Kurve nach der anderen. Die Straße zwischen Berghang und Wasser ist kaum breit genug, dass der Gegenverkehr vorbei kommt. Geschweige denn zwanzig Fahrzeuge an dem zwanzig km/h fahrenden Touristen. In der nächsten Ortschaft endlich eine Möglichkeit für den Wohnwagenbus zu halten und alle vorbeizulassen. Er jedoch fährt einfach weiter. What the fuck?! Alle sind irritiert. Aber kein Auto hupt. Auch interessant. Niemand will die nervigen Touristen hetzen und sie in einen Unfall treiben. Nach der nächsten Biegung ist die Straße weit nach vorn überschaubar. Langsam zieht die Kolonne am Wohnwagen vorbei. Aus dessen Fenster fliegen Seifenblasen. Sehr verängstigt scheinen die Insassen ja nicht zu sein. Unser Bus zieht vorbei, der Fahrer verzieht das Gesicht und: hupt! In Deutschland entspräche das vom Aggressionspotential her einem Faustschlag ins Gesicht. Entspannte, fröhliche Gesichter vorne bei den Touristen. Were they stoned, fragt O’Conner. I think they were bloody stone! Probably from Holland. Yeah, I think the licence plate was Dutch! Blowing bloody bubbles out the window!

Die Fahrt geht bis Lofthus, wo wir im Ullensvang Gjesteheim absteigen wir absteigen. Über der Bergwand auf der anderen Seite des Fjords hängen die Wolken aus dem Westen. Lauern am Gipfelgrat wie Indianer vor dem Angriff. Ziehen sie in der Nacht auf unsere Seite herüber? Wir werden morgen früh den Osthang des Tals zur Hardangervidda hinaufsteigen. Auf 1200 Höhenmeter. Noch ist der Himmel klar. Wenn wir Glück haben, bleiben die Wolken auf der Westseite.

Am Fjord, zwei letzte Hansa-Bier aus dem Supermarkt von Lofthus. Die Sonne sinkt hinter die Wolken am Westhang, die Luft kühlt ab und dunkelblauer Dunst legt sich über die Ortschaft. Mehrere Wasser rauschen. Über dem Ullensvang Gjesteheim färbt sich der Himmel rot. Am unteren Fjord schieben sich ein paar Wolken wie eine Hand über den Berggrat.

– 06. August –

Hinauf

Die Wolken bedecken den Morgenhimmel, sind in der Nacht über den Fjord gekrochen. Wir schlürfen Kaffee auf den Bänken vor dem Gjesteheim. Kauen belegte Brote, die man uns fertig gemacht hat, weil das Frühstücksbüffet erst in einer Stunde eröffnet. Wildschinken, Salami aus der Gegend, Käsescheiben und Brunost. Braunkäse. Brunost ist eines der wenigen Dinge, die meine Beziehung zu Norwegen strapazieren. Käse mit süßlich-sämigem Geschmack – komm ich nicht ran. Jetzt treiben frische Luft und Morgenhunger ihn rein.

Um Acht Uhr kommt unser Bus nach Kinsavik. Der selbe Fahrer wie gestern. Verzieht keine Miene des Widererkennens. Mentalität im Südfjord, erklärt O’Connor. Sparsamkeit mit freundlichen Worten und Mienen, ohne dabei unfreundlich zu sein.

Kinsavik. Wie an einem Schweizer See gelegen. Ein kleiner Anlegekai für die Fähre aus Bergen, steile Bergwände ringsum das Wasser. Wir folgen der Asphaltstraße links an einem Fluss entlang, dem wir fast den ganzen Tag folgen werden. Bis auf die Vidda hinauf. Unser heutiges Ziel: Die Hütte Stavali. Die Straße kurvt in flacher Steigung durch das Tal, nur langsam gewinnen wir an Höhe. Doch das Gefühl täuscht: der Blick nach unten sieht Kinsavik bereits ein paar hundert Meter weiter unten liegen. Außer uns sind keine Wanderer auf der Straße unterwegs. I bet they’re all taking their cars up the road before they start walking. Or a bloody taxi! O’Conner behält Recht, als wir kurz darauf einen Parkplatz erreichen, stehen dort bereits mehrere Kleinwagen und Busse von Erlebnisreiseagenturen. Ha! Well there you go! All carried up here, only we idiots actually walk! Von hier aus jedenfalls geht es nur zu Fuß weiter. Der Asphalt endet vor einer kleinen Brücke. Markiert vom roten T der norwegischen Turistforening beginnt von hier aus der Weg weiter hinein ins Tal und hinauf auf die Hardanger Vidda.

Vier Wasserfälle

Mal mehr, mal weniger nahe am Fluss führt der Weg hinauf ins Tal, bis zu einem Wasserkraftwerk, das vom Fluss gespeist wird, der hier in mehreren Stufen um die fünfzig Meter tief abfällt. Weißes rauschen auf schwarzem Gestein. Eine Rohrleitung von der weiter oben gelegenen Staumauer führt links vom Wasserfall am Waldrand herab. Diese Leitung entlang steigen wir nun über gerölliges Gestein steil die nächsten fünfzig Höhenmeter hinauf, heilfroh, dass der Himmel mittlerweile aufgeklart ist und wir den steinigen „Weg“ nicht bei Regen und glattem Untergrund bewältigen müssen.

An der Staumauer angelangt füllen wir unsere Flaschen und schauen ins glasklare Wasser. Tanzende Sonnenreflexionen auf dem Grund. Ich klebe ein Pflaster auf meine rechte Ferse, die sich gerade zur Blasenbildung fertig macht.

Eine halbe Stunde später stehen wir vor dem nächsten Wasserfall. Wie aus dem Nichts ergießt er sich breit über den Bergrat, trifft auf halber Strecke mit endlosem Tosen auf einen gewaltigen Gesteinsbrocken, nur um von ihm im rechten Winkel umgeleitet sechzig Meter weiter in die Tiefe zu stürzen. Endloses Tosen. Ich schaue nur und denke, manche reisen dafür zu den Victoriafällen.

Etwas später wird das Terrain flacher und wir nähern uns einer idealen Stelle am Fluss, um Pause zu machen und die Rucksäcke etwas leichter zu essen. Snickers und Wasa-Knäcke-Snack. Unsere Blicke folgen dem Wasser flussaufwärts um eine kleine sonnenbeschienene Halbinsel herum bis zur nächsten Felswand, vor der – bereits vertrauter Anblick – ein noch imposanterer Katarakt in mehreren Stufen herab fällt und am Fuße der Felswand in einer riesigen Wasserstaubwolke zerbirst. Wir kauen. Toller Wasserfall. Gute Dramaturgie bergauf. Je höher wir kommen, umso eindrucksvoller gibt sich das herabstürzende Wasser.

Das Tal öffnet sich und die Bäume machen einer weiten Ebene aus grünen Wiesen, blühendem Heidekraut und lila Glockenblumen Platz. Malerisch eingefasst in die aufragenden Hänge. Allerlei Wandervolk ist hier unterwegs. Tagestouristen aus Kinsavik, die offensichtlich nicht vorhaben, bis zur Stavali zu gehen. Zu kleine Tagesrucksäcke. Sonnen sich auf flachen Felsen, baden im ruhigeren Wasser abseits der Strudel, fischen Forellen im Fluss. Ein Ausflug in den Park, für norwegische Verhältnisse.

Durch die Sonntagsausflügler hindurch führt der Weg auf ein Ungetüm aus reißenden Wassermassen und tiefschwarzem Gestein zu. Aus hundert Metern stürzt der vierte und mächtigste Wasserfall wie aus dem Nichts über die Felsen und kracht in eine Aushöhlung hinter einem Felsblock so groß wie ein Einfamilienhaus, wo er donnernd in einer Hölle aus Gischt und schwarzem Fels verschwindet. Taucht dann aber abgewinkelt wieder auf und ergießt sich in zwei mächtigen Strömen in einen dunklen See. Wir stehen wie angewurzelt am Ufer und legen den Kopf in den Nacken, um diese Symphonie aus tosendem Wasser aufnehmen zu können.

Als wir wieder zu uns kommen, bemerkt O’Conner, dass wir schon eine Weile lang kein rotes T mehr gesehen haben. Wir suchen am Ufer des schwarzen Sees und etwas hangaufwärts, scannen die Richtung aus der wir gekommen sind – nichts. Aus der Karte werden wir nicht recht schlau, mehrere der eingezeichneten Seen könnten der hiesige sein. Oh, what the hell, I’m gonna cheat. O’Conner schaltet sein GPS ein, lokalisiert uns und stellt fest, dass unser Weg weit oberhalb des Sees entlang führt. Ins Gespräch vertieft sind wir einfach dem Pfad geradeaus gefolgt, ohne die Gabelungen zu bemerken. Nur wo genau oben am Hang ist nun der Weg? Aus der Entfernung fast glatt und leicht begehbar wirkend ist das Terrain in Wirklichkeit eine Unwegsamkeit aus Gebüsch, Felsen und Morast. Sich auf’s Gratewohl in irgendeine Richtung durchzuschlagen würde Kraft und Zeit kosten. Va fan! Wir überbieten uns darin, die Schuld auf uns allein zu nehmen. Letztlich bleibt uns nichts übrig, als loszulaufen. Wir borsteln durch das Heidegestrüpp, ästeln durch russische Birkendickichte, über einen Bach, den Hang hinauf – keine Ahnung wo wir sind. Da! Zwei Frauen auf einem Felsen weit über uns! Sehen total entspannt aus, wissen mit Sicherheit, wo es lang geht. Auf sie zu! Bloß nicht aus den Augen verlieren die zwei. Wir krepeln die Felshänge hinauf, glatt geschliffen von der Eiszeit, querfeldein durch Blaubeersträucher und Heide, hecheln dem Track entgegen.

Wir brauchen die zwei kaum zu fragen. Sie sitzen da, so wie sie dort sitzen, umgeben von Steinmännchen mit T-Markierungen. Zwei schwedische Mädchen mit leichtem Gepäck, die heute noch zur Stavali hinauf und dann gleich wieder hinunter nach Kinsavik wollen. Hohe Augenbrauen unsererseits. Lykke til mit eurem Plan! Schon springen sie vor uns den Granitrücken hinauf.

Schnurgerade Streifen helleren Gesteins durchziehen den blanken Fels, fast geometrisch akkurate Linien, als wären sie vor Urzeiten von Jemandem mit sehr viel Zeit ausgemeißelt worden. Ich denke an Erich von Däniken und daran, dass heute kaum noch jemand an Erich von Däniken denkt. Was ist aus dem bloß geworden? Sind für niemanden mehr spannend, seine Theorien von der Erdbesiedlung durch Außerirdische, deren Spuren und Landebahnen man an allerhand geologischen Formationen erkennen kann.

Ein Blick zurück auf unser Umweg-Desaster, das im Grunde ein Glücksfall war. Wären wir dem infernalen letzten Wasserfall sonst so nahe gekommen? Wie damals der Umweg über den Guajara auf Teneriffa. Bloody Guajara. Letztlich möchte man diese Umwege und das, was man durch sie entdeckt, nicht missen.

Über den Granitrücken erreichen wir die Höhe der Vidda. Tausendzweihundert Meter. Das Rauschen des Wassers fällt zurück, verstummt und die Stille der Hardanger Vidda umgibt uns.

Auf der Vidda

Grünwuchs, Bäche, Flüsse, kleine Seen. Wasser, das unsere vier Wasserfälle speist. Weite Bergrücken durchziehen die Ebene. Grün und weißgrau unter wolkigem Himmelblau. Ich sehe mich an der Weite satt. An der Ruhe in der allgegenwärtigen Bewegungslosigkeit. Kilometerweite Heideebene, unüberschaubare Berge. Die Vidda ist alles andere als flach, zumindest hier im Westen. Wir überqueren einen Fluss über eine Brücke. Zwei junge Typen baden. Wie viele Sekunden habt ihr es im Wasser ausgehalten? Zehn, grinsen sie. Die zwei Schwedinnen kommen uns wieder entgegen. Waren bereits an der Hütte, Anschlagen und zurück. O’Connor schüttelt den Kopf. How can they bet his bloody fit?! I think I’ve seen one of them on TV. She’s a ski athlet or something, versucht er sich die schamlose Fitness der zwei zu erklären. Wir umrunden einen der Bergrücken und tauchen ein ins nächste Tal. Blaubeeren säumen den Weg, wandern in die Hand und in den Mund. Blau gepunktete Sträucher. Reiche Ernte. Blaubeerzeit, einen Monat später als in Deutschland. Etwas später taucht weit hinten am Ende des Tals vor düsteren Hängen winzig klein ein von der Sonne beschienenes Holzhaus auf.

Stavali

3

Angenehm rustikal eingerichtet ist Stavali ein zweistöckiges Haus mit großer Küche, Gemeinschaftsraum und Schlafsaal unterm Dach. Matratzen und dicke Wolldecken. Innen gibt es viel Holz und gemütliches Allerlei an den Wänden, außen rote Wandfarbe mit weißen Fensterrahmen. Klassisch skandinavisch. Auch innen entspricht es eher skandinavischer Rustikalität. In der Küche ein Gasherd, blecherne Gerätschaften aller Couleur und ein Kiosk, der von Fischkonserven über Tütensuppen und Oreo-Kekse bis zu Nullfünfer Dosenbier alles anbietet. Darben ist anders. Zumindest, wenn man sich Biere für 10 Euro leisten kann. Vor der Hütte steht ein Hot Tub, in dem es sich bereits einige Wanderer mit Rotwein und Bier gemütlich gemacht haben. Im Rahmen der stromlosen Einfachheit also wird jeder im Winter mit den Schneemobilen transportierbare Luxus geboten.

Wir beziehen unsere Betten am Ende des Schlafsaals, direkt am Fenster mit der Feuerleiter. Perfekt, denke ich. Falls man nachts mal raus muss, muss man nicht durch das ganze Haus. Duschen gibt es natürlich keine, dafür einen kleinen Raum, in dem man sich mit in der Küche erwärmtem Wasser waschen kann. Umständlich, finde ich und gehe zum nahen Fluss. Ein Blick zum Haus zeigt mir, dass unsere Feuerleiter einen Meter über dem Boden endet. Gut dass mir das auffällt, bevor ich das Ding heute Nacht schlaftrunken hinuntergepoltert wäre.

Das Wasser im Fluss ist nicht so beißend kalt, wie ich befürchtet hatte. Jahrelange Abhärtung beim Frühjahrsanbaden in Berliner Gewässern zahlt sich hier und jetzt aus! Außer mir ist niemand am Fluss. Stolz mischt sich mit Enttäuschung über die Norweger, die lieber im geheizten Zuber Wein schlürfen, als meiner Vorstellung von kälteresistenten Nordmenschen zu entsprechen.

Ich setze mich für zwanzig Sekunden in den Fluss, blicke das Tal hinunter, in den aufsteigenden Abend, die herabsinkende Sonne. Zwanzig Sekunden, die sich später in der Erinnerung anfühlen wie zehn Minuten.

Wieder oben schiele auch ich Richtung Hot Tub. Es gibt allerdings schon eine Schlange. Nach einem Schnellwaschgang der Wandersachen widmen wir uns stattdessen dem Wichtigsten: dem Essen. Um den norwegischen Preisen zuvorzukommen habe ich mich bereits in Berlin mit Tütennahrung beim Outdoor-Ausrüster eingedeckt. Pilzragout, Elchgulasch, Chili. Angeblich sollen die Dinger einen ausgewachsenen Mann nach einem anstrengenden Wandertag satt machen. Sehen nicht so aus, die kleinen Häufchen gefriergetrocknetes Pulver. O’Conner und ich gehen also auf Nummer Sicher und schlürfen Tütensuppen als Vorspeise. Hauptgang ist Pasta mit Lachs und Huhn. Nach der Hälfte schon stellt sich Sättigung ein. Teufelszeug! Völlegefühl nach dem Hauptgang. Wir spülen es hinunter mit O’Conners Cognac, den er bei keiner Wanderung zu Hause lässt. Neun Stunden Anstrengung fallen von uns ab. Hinter einem See am Ende des Tals versinkt die Sonne zwischen den Hängen. Verschwindet schneller, als man sie am Tag ziehen sieht.

– 07. August –

Skandinavisches Vertrauen

Der Himmel gibt sich grau. Wolken-Nachschub aus dem Westen. Die Nacht war überraschend schnarchfrei. Eigentlich ein Unding in Berghütten. Einen gibt es ja normalerweise immer. Selbst das ist in Skandinavien scheinbar besser als im Rest der Welt.

Wir sind um halb sieben als erste wach. Kochen Instant-Kaffee und Haferschleim. Dazu eine Käsescheibe aufs Brot. Alles was man sich im Kiosk „nimmt“, schreibt man auf einen Bogen, auf dem man auch seine Übernachtung registriert. Kreditkartennummer dazu, die Rechnung kommt dann ein paar Wochen später. Kontrolliert wird das in den wenigsten Hütten. Die Leute hier denken als Gemeinschaftswesen. Betrügen käme den Wenigsten in den Sinn. Ich denke daran, wie wir uns in Deutschland als Fuchs feiern, wenn wir der Steuerbehörde ein paar Euro abtricksen. Hier würde ein solches Eingeständnis soziale Ächtung nach sich ziehen. Sicher, es geht den Leuten hier besser, als in den meisten Ländern. Und die Moral schließt sich ja immer dem Fressen an, nicht umgekehrt. Oder doch? Norwegen war immer eine sozial denkende Wir-Gesellschaft. Harsches Klima und wenige Menschen. Gemeinschaftsdenken gehörte von jeher zum Funktionieren dieser Gesellschaft.

Lemminge und Bergforellen

Mit der Hütte Torehytten als unser heutiges Ziel, haben wir haben sieben Stunden reine Gehzeit vor uns. Wir haben Glück. Der trockene Sommer hat die Wasser nicht anschwellen lassen, wodurch wir kaum tiefere Flüsse queren müssen. Jedes Flies, das sonst 30 Zentimeter höher wäre und uns mit Schuhe ausziehen und vorsichtigem Überqueren viel Zeit kosten würde, liegt bereits nach ein paar Schritten hinter uns.

Starr breitet sich die Vidda in alle Richtungen aus. Kleinere und größere Felder von Altschnee, im Spätsommer zu temporären Gletschern erstarrt, knirschen unter unseren Stiefeln. Wollgras flattert aufgeregt im Wind. Der Weg, tief eingetreten im Laufe der Millennien, zieht sich wie gefräst durch die Grasebene. Seit der letzten Eiszeit vor 6000 Jahren siedelte man hier den Rentieren folgend und entwickelte Handelrouten über die Vidda, die heute als Wanderwege fortbestehen. Nicht viel hat sich seit damals verändert. Stillstehende Zeit, die wir durchlaufen.

Lemminge flitzen über den Weg, krabbeln unter Steine und sehen mich von dort aus schwarzen Knopfaugen an. Sobald ich an ihnen vorbei gehe, flitzen sie panisch wieder hervor, rennen in den tief ausgeschnittenen Weg, versuchen davonzulaufen, kommen nicht die hohen Wegränder hoch und retten sich vor mir durch eine panische Flucht zurück, durch meine Beine hindurch. Tatsächlich suizide Tendenzen, wenn ich ein Raubtier wäre.

Rechterhand, zweihundert Meter tiefer, eine Reihe von Seen. Kein Weg führt dorthin, aber Leute fischen an den Ufern. Bergforellen. Gestern in Stavali lag ein kleiner Berg davon ausgenommen und essbereit in der Küche. Wir hätten wahrscheinlich welche abhaben können, so viele waren es. In der Nähe der Leute am See, eine private Fischerhütte. Privatbesitz auf Nationalparkland. Eine Hütte zur privaten Nutzung ist erlaubt. Nicht mehr. Als das Land zum Nationalpark erklärt wurde konnte man dem entweder zustimmen oder sich sein Land vom Staat abkaufen lassen. Nirgends sieht man Handy-Antennen. Trotz der idealen Höhe. Kein Empfang auf der Hochebene. Die Abgeschiedenheit ist den Leuten heilig, der Pathos hier mal angebracht.

Drei Wochen Einsamkeit

Wir machen Pause nach einem felsig-steilen Aufstieg, der uns mit einem weiten Blick hinab ins nächste langgestreckte Tal belohnt. Eine junge Mitzwanzigerin kommt vorbei. Kleine zierliche Statur, auffallend kräftige Waden, die einen über zwanzige Kilo schweren Lastenrucksack stemmen. Fünfundzwanzig Kilo, lächelt sie auf unsere ungläubige Frage hin. Zelt und alles. Seit zehn Tagen sei sie unterwegs, zwei Wochen noch wolle sie kreuz und quer über die Vidda laufen. Völlig allein in der indifferenten Weite dieser Wildnis. Mich würde schon nach einem Tag allein hier oben die Schwermut zurück zu den Menschen treiben. Vielleicht gewöhnt man sich aber daran. Nach einer Weile fällt mir auf, dass wir nicht Englisch miteinander reden. O’Conner spricht zwar wie ein Muttersprachler Norwegisch, aber ich halte normalerweise nicht länger als zwei Minuten mit meinem untrainierten Schwedisch durch. Merkwürdigerweise verstehe ich diese Norwegerin aber viel besser, als sonst die anderen, und sie mich scheinbar auch. Der üblicherweise irritiert nachfragende Blick bleibt völlig aus. Dann stellt sich heraus, dass sie Schwedin ist, was natürlich alles erklärt. Allerdings auch meine Hoffnung in den Wind schlägt, ich hätte mittlerweile auf Norwegisch umgeschaltet.

Für norwegische, selbst für schwedische Verhältnisse, dauert unser Gespräch schon auffallend lange. Als wolle sie nicht ganz von uns lassen, stellt sie immer neue Fragen, wo ich denn Schwedisch gelernt hätte und weshalb O’Conner fließend Norwegisch spreche. Vielleicht ist sie doch etwas einsam. Vielleicht ist es aber auch einfach bizarr, hier oben auf einen Australier zu treffen, der in fließendem Norwegisch seinem deutschen Freund mit dessen bröckligem Schwedisch aushilft.

Schließlich verabschieden wir uns und sie läuft uns mit einem Lächeln davon. Mit fünfundzwanzig Kilo auf dem Rücken. Noch eine Weile geht sie uns voraus, dann tritt sie an einer morastigen Stelle in ein tiefes Schlammloch. Wir überholen sie, als sie sich gerade an einem Wasserfall die Schuhe auszieht und verlieren sie aus den Augen.

Fremdling

Wollgrasteppiche auf den grünen Fluren. Wuschelige Köpfe, zwischen die man sich legen möchte. Zwei harte Aufstiege folgen einander. Steil am Fels hinauf, steil fällt es hinter uns ab. Flaches Hochland ist anders. Es bleibt bergig, auf und ab, dann endlich schnurgerade geradeaus. Höher geht es nicht. Eine Stunde lang gehen wir auf der Ebene dem Horizont entgegen. Monolithen zeichnen sich gegen den Himmel ab. Eine alte Frau und ein Bär. Hinterlassenschaften der Eiszeit. Sitzen hier seit Ewigkeiten. Dann ein gewaltiger Fels, größer als alle anderen, obwohl noch weit entfernt. Milchig grau ragt er aus der Hochebene empor, wie ein gewaltiger Gugelhupf, wie die dunkle Festung aus dem Film „Krull“. Hårteigen. Die Landmarke der Vidda. Bizarrer Fremdkörper in der flachen Weite, nicht zu übersehender Orientierungspunkt. Wir halten auf den Hårteigen zu, sehen ihn sich hinter einem Rücken zurückziehen, nur um von der nächsten Anhöhe aus wieder düster und näher vor uns zu stehen.

Der Weg führt links an einem See vorbei, an dem das Eis zwei Meter dick unter der Wasseroberfläche liegt, von dort arktisch bläulich durch das Wasser schimmert. Scharf bricht die Ebene ab, einen gerölligen Hang geht es hinab bis an die Ufer eines größeren Sees, an dem die zwei schwarzen Hütten von Torehytten klein und heimelig auf uns warten. Auf den letzten Metern beginnt es zu regnen, die Sicht sich zu trüben. Doch weit muss man nicht mehr schauen. Jenseits des Sees trohnt nah und düster der Hårteigen.

4

Bezzerwizzer

Ich bemerke den Schmerz, als ich im Gemeinschaftsraum wieder aufstehen möchte. Ein Dröhnen im linken Knie. Ich schreibe es unserer generellen Erschöpfung zu, dem immer anstrengenden zweiten Tag und versuche, es nicht weiter zu beachten. Im Kamin brennt ein kleines Feuer, verbreitet Wohligkeit in der regenumtosten Hütte. Eine kleine Küche mit allerlei Blech an Haken und in Schränken, ein Regal voller Makrel-Konserven, Knäcke und Tütensuppen – wie gehabt nur kleiner, simpler, netter.

Außer uns haben sich noch ein dänisches Pärchen und ein Norweger. Die Dänen fragen uns ob wir Lust haben, ein Brettspiel mit ihnen zu spielen. Wir sind etwas vor den Kopf gestoßen. Kein Norweger würde mit so einem Vorschlag auf Andere zugehen. Gut, man hilft einander unterwegs, erzählt woher und wohin, aber auf jemanden außerhalb dieser klar definierten Gesprächsanlässe zuzugehen und ihm dann noch ein Spiel vorzuschlagen, das wäre wie jemandem in Deutschland auf der Straße Spontansex anzubieten. Dänemark ist aber nicht Norwegen. Für diese Offen- und Spielversessenheit muss man sie lieben. Ja klar, freuen wir uns also. Was für ein Spiel denn? Bezzerwizzer! What? Klingt ja wie das deutsche Wort! Ist der Name auch. Ein Quiz natürlich. Die Quizversessenheit beschränkt sich also nicht nur auf die Norweger. Als ich einmal von einem Festival auf der Insel Stort an der norwegischen Westküste nach Bergen zurückfuhr, wurde im Bus tatsächlich ein Popmusikquiz an alle Mitfahrenden verteilt. Es war danach nicht mal ausgewertet worden, aber alle hatten ihr Quiz. Geht nicht ohne. Bei den Dänen also auch. Sie sind sogar soweit gegangen, das gesamte Spiel auf Wellpappe nachzuzeichnen, um Gewicht zu sparen.

Wir bilden zwei Teams. O’Conner und ich versus die Dänen und den Norweger. Wissensfragen. Wer weiß es besser? Hier kommt der Name des Spiels ins Spiel. Die Kategorien lauten Politik, Gesellschaft, Film und Fernsehen, Kulinarisches und so weiter. Klar. Wie sich herausstellt, bilden O’Conner und ich das perfekte Team. Während er Fragen nach dem Begräbnisort eines indischen Großmoguls und seiner Geliebten mit einem Referat über die britische Besatzung während des Raj kontert, kann ich nicht nur den Namen des Darstellers von Captain Kirk, sondern die der gesamten Besatzung der Enterprise herbeten. Original und nächste Generation. Geschichts- und Politikwissen trifft auf Entertainment-Trivia. Unschlagbar.

Vor dem Schlafengehen wandert meine Flasche Jägermeister hin und her. Draußen schwirren Wassertropfen durch das abendliche Dunkelgrau.

– 08. August –

Wer zuletzt geht

Glitzernde Morgensonne, als würden Gras, Steine und Wasser aus sich selbst heraus leuchten. Auf dem Weg zum Klohäuschen kneife ich die Augen zusammen und strahle selbst in den strahlenden Morgen. Der Haferschleim kocht schon. Blaubeermarmelade aus dem Küchenschrank/-laden dazu und zwei Tüten Instant-Kaffee mit einem Löffel Viking-Trockenmilch in die Tassen.

Die Dänin sitzt mit nackten Füßen und Arzneizeug am Eingang. Wie sich herausstellt, hat sie sich vor ein paar Tagen den Fuß verrenkt. Er ist stark geschwollen und wir fragen uns, wie sie es überhaupt bis hierher geschafft hat. Allerdings ist sie Krankenschwester, weiß also wahrscheinlich, was sie tut. Sie gibt mir ein Blasenpflaster für meine schon völlig wund gelaufene rechte Ferse. Da wir die letzten sind, die die Hütte verlassen, sind wir mit Saubermachen dran. Die anderen waren auffallend schnell. Den Fehler macht man nur einmal. Wir also ran: fegen und wischen und los!

Auf den Hårteigen

Weiter Schwung um den See, durch gefräste Wege, an Häufchen von Naturreis vorbei. Von den Lemmingen hinterlassen. Einer quiekt mich aus dem Gras an. Als ich ihn frage, was denn sei, kreischt er noch lauter und zeigt mir seine zwei Schneidezähne. Ich lasse ihn und folge O’Conner, der bereits auf halbem Weg zum Hårteigen ist. Unser erstes Ziel heute.

Mein Knie ist in der Nacht nicht wirklich besser geworden. Ich erinnere mich, dass ich 2003 das gleiche Problem hatte. Damals auf dem Camino de Santiago habe ich versucht, einem nervigen Tschechen zu entkommen und bin am zweiten Tag 35 Kilometer gelaufen. Die nötige Muskulatur war noch nicht aufgebaut und so schwoll mein linkes Bein beiderseits des Knies an. Flüssigkeit staute sich daraufhin, was wiederum immense Schmerzen verursachte. Damals war ich einfach „über den Schmerz“ gegangen, bis sich die Muskulatur aufgebaut hatte. Darauf hoffe ich hier auch. Was bleibt mir sonst übrig? Abtransportiert werden kann man hier nicht, außer man lässt sich mit dem Helikopter ausfliegen. If you do the walk, you gotta do the walk.

Mit Bedacht also zum Hårteigen. Vor uns ragt er dreihundert Meter hoch auf, wie etwas das nicht hierher zu gehören scheint. Tatsächlich besteht er lediglich aus härterem Gestein als die Umgebung, wodurch er allein noch steht.

Wolken umwabern das Gipfelplateau. Wir umrunden das Massiv zur Hälfte und finden ein Schild, das auf einen „unmarkierten“ Weg zum Gipfel verweist. Keine T-Markierungen. Die Turistforening will nichts damit zu tun haben, wenn hier jemand abstürzt. Wir lassen die Rucksäcke unten am Schild und krabbeln eine lange Halde schwerer Felsbrocken empor, die sich aus einem klaffenden Spalt auf halber Höhe des Berges ergießt.

Nach achtzig Höhenmetern steigen wir zwischen die Felswände. Zweihundert Meter ragen sie beiderseitig in die Höhe. Die Wolken werden dichter, aber noch können wir die schneebefleckte Weite der Vidda fast bis zum Jøkulen Gletscher im Norden überblicken; ein in schwarze Wände gerahmtes Bild, zwischen denen wir aufsteigen.

Wir kommen an ein fast glattes Stück Fels, an die fünf Meter hoch. Einige verhedderte Seile hängen daran herab. Mit ihrer Hilfe stemmen und ziehen wir uns den rutschigen Fels empor. Sehr vertrauenerweckend wirken die Seile nicht, sind offensichtlich alt und keineswegs klettertechnisch professionell angebracht. Ein, zwei Meter nach rechts geht es geradewegs nach unten. Aber die Seile halten und wir erreichen einen Weg, der im Abstand von zwanzig Zentimetern am Abhang entlang bis zum Gipfelplateau führt. Direkt in die Wolken hinein. Hier oben sieht es aus, als hätte jemand den Gipfel gesprengt. Wind, Wetter und Erosion haben das Plateau mit Kieseln, Steinen, und Felsbrocken aller Größen übersät. Wir überqueren die Trümmer und gelangen zum drei Meter hohen, aus Flachsteinen errichteten Gipfelturm. Die Sicht: begrenzt. Nur wenige Blicke hinunter in die Ebene geben die Wolken frei. Durch Löcher in der Wolkendecke sehen wir ein Bild von Torehytten am See, bereits wieder ewig weit entfernt.

5

weiter nach Litlos

Wir ziehen weiter über überwiegend ebenes Land, queren Bäche und Schneefelder, von denen uns die Kühle des Winters ins Gesicht steigt. Teilweise bricht der morsche Schnee unter unseren Füßen ein. Ich bete, dass er das nicht tut, wenn wir darauf gerade einen Fluss oder ein Stück eines Sees überqueren. Blick zurück – noch immer ragt der Hårteigen aus der Landschaft wie eine urzeitliche Burg, bis er nach einigen Stunden hinter einer Anhöhe verschwindet.

Die Sonne glitzert in hundert Bächen und Rinnsalen, wärmt unsere Gesichter, trocknet den Schweiß, während eine kühle Brise allzu große Hitze vertreibt. Wollgräser, vom gestrigen Regen verklebt, sammeln sich wieder und plustern sich in der Sonne auf. Kleine blaue Sternblumen heischen um Aufmerksamkeit – überall blüht und krabbelt es. August, die große Aufregung vor dem nahenden Winter.

Litlos, erst ein kleiner brauner Punkt in der Ferne, ist nach ein paar weiteren Flussquerungen bald erreicht. Hier hat der Helikopter bereits Birkenzweige zur Markierung der Winterloipen abgeladen. Für die Zeit wenn der Schnee jede Wegmarkierung verdeckt. Wenn er vier Meter hoch steht und die Hütten nur noch mit Skiern erreichbar sind. Noch ist es nicht soweit. Noch malt die Abendsonne Flammenmeere zwischen die Sommerwolken, während die Hüttenbewohner sich, vom Luxus einer warmen Dusche erholt, Richtung Schlafkoje bewegen. Litlos, die Luxusherberge. Generatoren brummen, warmes Wasser fließt aus allen Hähnen. Bereits nach drei Tagen kalten Wassers aus Flüssen und Waschschüsseln ist eine warme Dusche das Geschenk des Himmels schlechthin. Danach Cognac aus Plastikbechern. Goldene Wärme rinnt den Hals hinab, macht ein Lagerfeuer im Brustkorb. Der Mond steht fast voll über dem See und den umliegenden Hängen mit ihren breiten weißen Schneeflecken. Kleine Eiszeiten in den Spalten der Hardanger Vidda.

– 09. August –

Hellevassbu

Abgekämpft sitzen wir in der Hütte Hellevassbu. Vom Fenster aus sehen wir die Schaumkronen auf den Wellen des Sees. Keiner geht nach draußen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Der Gang zum Klo wird zum Sprint.

Der Wind hat uns den ganzen Tag lang begleitet, ist uns ins Gesicht gefahren, hat uns fast vom Weg gefegt, uns aller Energie beraubt. Nur fünf Stunden Wegstrecke, doch wir sind völlig fertig hier angekommen, ausgelaugt vom ständigen Ankämpfen gegen die Sturmböen.

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Dabei hat der Tag sonnig begonnen.

In Litlos, wo man genötigt wird, die kulinarische Rundumversorgung in Anspruch zu nehmen und daher keine Möglichkeit hat, selbst Frühstück zuzubereiten, gehen wir mit zwar leerem Magen, aber gut erholt gegen acht Uhr los. In weitem Bogen um den See. Sonne auf dem kurz gefressenen Gras. Auf flachen Steinen unter der Wasseroberfläche über Flüsse und durch Bäche, vorbei an mobilen Pferdekoppeln, die man sich mitbringen muss, wenn man mit seinen Tieren über die Vidda reiten möchte.

Über ein lang gestrecktes Schneefeld geht es die erste Anhöhe hinauf. Als wir oben auf dem Sattel ankommen, schlägt und mit sechzig Kilometern pro Stunde der Wind entgegen. Knallt uns ins Gesicht. Wir lehnen uns dagegen, beugen den Oberkörper vor, stemmen uns vorwärts, über Geröll und Schnee, graue, tief hängende Wolken über uns. In Litlos hatte der Wetterbericht für heute ab 14 Uhr Sturm und Regen angesagt. Wir beten, dass wir vorher in Hellevassbu, unserem heutigen Ziel, ankommen.

An einer windgeschützten Stelle versuchen wir, das Frühstück zuzubereiten, Haferbrei zu kochen. Der Kocher jedoch wird immer wieder ausgeblasen, hat keine Chance gegen die Böen. Also kaltes Frühstück mit Studentenfutter und Snickers.

Weiter geht es über den nächsten Sattel, das nächste Eisfeld. Der Schnee knirscht, die Füße sinken ein, wir schleppen uns darüber hinweg, bis festes Geröll den Füßen wieder Halt bietet, dafür nun aber locker unter den Sohlen wackelt. Lemminge quieken aufgeregter als sonst und wir sehen viele von ihnen tot am Weg liegen, ausgetrocknet oder ausgeweidet, kleine Skelette in dünnem Pelz.

Der Schmerz in meinem Knie hat zugenommen. Natürlich besonders beim Abwärtsgehen. Eine falsche Drehung, ein Anstoßen mit der Fußspitze und ich jaule vor Schmerz auf. Muss mich pausenlos konzentrieren. Nicht nur, um mit dem Fuß nicht gegen einen Stein zu stoßen, sondern auch, um immer mit dem linken Fuß zuerst aufzukommen, damit ich mein linkes Knie nicht beugen muss. Entspannt wandern ist anders. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen mich wilde Euphorie erfasst, angesichts der maßlosen, ungestümen, indifferenten Wildnis, durch die wir uns bewegen. Wasser stürzt in langen dünnen Fingern die fernen Felshänge hinab, ergießt sich in hunderten glitzernden Rinnsalen, Bächen, Flüssen über die grünen Ebenen, fließt in den nächsten windgepeitschten See, an dessen Ufern Eisfelder türkis und arktisch schimmern. Alles in steter Bewegung und doch in ewigem Bilde. Wie weit man auch in die Vergangenheit zurückblicken mag, dieses Gemälde aus Wasser, Erde und Himmel war immer das selbe.

6

Manchmal verliert sich der Pfad, scheinbar auf’s Gratewohl durchstreifen wir dann die wasserreichen Ebenen, den nächsten Steinhaufen mit deinem roten T im Blick. Welches Glück, für kurze Zeit Teil dieser Landschaft zu sein.

Die Böen reißen an den Hosen, werfen uns fast vom Weg, zerren an den Rucksäcken, suchen jede noch so kleine Angriffsfläche. Meine Nase läuft permanent, die Lippen sind trocken und gesprungen. Die Blase an meiner rechten Ferse schickt bei jedem Schritt Signale ans Schmerzzentrum und ein falscher Schritt und mein linkes Knie explodiert. Schlechte Wandersocken und kein Training für die Knie vor der Reise. Das zahlt sich nun doppelt und dreifach in Schmerzen und Unbehaglichkeit aus. Der Wind dagegen – da ist nichts zu machen. Ihm kann man nicht vorbeugen. Stellenweise erfordert es Konzentration, die Stöcke nach vor zu führen. Aber wann erlebt man das schon? Diese Wucht der Elemente. Stundenlang. Die Dreifaltigkeit der Vidda. Erde, Wasser und Wind.

Den letzten Abstieg gehe ich millimeterweise. Kurz bevor wir Hellevassbu erreichen, beginnt es zu regnen. Glück gehabt. Angekommen machen wir uns sofort über die Küche her, bevor eine sechzehnköpfige Reisetruppe eintrifft, die heute nach uns von Litlos gestartet ist. Kaum ist die Pasta gegessen, füllt sechzehnstimmiger Lärm die Küche und den Gemeinschaftsraum.

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Draußen peitscht der Wind noch immer die Wellen des Sees. Vom Fenster aus blicken wir auf die unwirtliche Umgebung mit ihren flachen Granithügeln, ihren weißen Schneeflecken, und ihren graugrünen Ebenen, auf denen das Wollgras zittert. Von einer der umliegenden Bergspitzen aus würde sich unsere warme Hütte mit ihren fünfundzwanzig Personen, dem lebhaften Geplaudere und der Betriebsamkeit drüben in der Küche vollkommen in der Landschaft verlieren.

– 10. August –

Auf das Ende zu

Am Abend hofft man auf den Morgen. Neuer Tag, neues Wetter. Dass über Nacht alles gut wird. Doch der Wind heult geradezu um die Hütte, als wir aufwachen. Noch stärker als gestern. Wasser wirbelt über den See und durch die Luft. Gut, dann haben wir unsere Regensachen wenigstens nicht umsonst mitgeschleppt. Ein netter Däne gab mir gestern den Tipp, mein Knie zu bandagieren, damit die Gelenkflüssigkeit sich durch die Wärme ausdehnt und so die Knochen nicht aufeinander reiben. Er mache das beim Gewichtheben auch so, um Knieproblemen vorzubeugen. Ich binde mir eine Mullbinde ums Knie und sofort geht es viel besser, ist kaum noch ein Schmerz zu spüren. Nie mehr werde ich Gewichtheber auf die gleiche Art betrachten wie vorher.

Wir kochen uns Haferschleim, as usual, und sind – as usual – gegen acht Uhr unterwegs, darauf bedacht, vor dem sechzehnköpfigen Mob davonzukommen, denn auch diese Truppe, wie auch der Gewicht hebende Däne und seine Freundin, sind unterwegs nach Haukeliseter an der E134, dem Endpunkt unserer Tour.

Wieder laufen wir an einem See entlang in den Tag hinein. Schaumkronen und zerfetzte Wellen. Nasse Trostlosigkeit. Rechterhand geht einen Hang hinauf. Alles ist glitschig, rutschig, lädt dazu ein, auszugleiten und sich den Fuß zu verrenken. Viel macht es mir allerdings nicht aus, da mein Knie zum ersten mal seit Tagen fast schmerzfrei ist. Eine ungemeine Erleichterung.

Wir kommen schnell voran. Überqueren Flüsse über glatte Steine und schaukelnde Hängebrücken. Reißendes Wasser nach all dem Regen. Ein gigantisches Schneefeld bedeckt den nächsten Sattel. Wir stapfen schleppenden Schrittes hinauf, versucht nicht abzurutschen. Blick nach oben: nichts als glattes Weiß, das weit oben auf die grauen Wolken trifft. Für einen Moment das Gefühl, in der Arktis zu sein. Nicht dass einer von uns je dort gewesen wäre. Aber hier, den Elementen ausgesetzt, sitzen die Vergleiche locker. Oben auf dem Sattel eröffnet sich ein Blick auf die Nubseggen/Sandfloeggi–Bergkette, ein Massiv aus Felswulsten, das den gesamten südwestlichen Horizont einnimmt. Nach Norden hin, der höchste Berg der Vidda: der Sandfloeggi.

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Räuberhöhle

Über mehr als tausend Jahre hinweg haben sich die Wege geformt, auf denen wir unterwegs sind. Vom Vieh ausgetreten und vom Menschen, entlang der alten Handelsrouten über die Vidda. In einer zerklüfteten Felserhebung zu unserer Rechten klafft sich eine Höhle, in der im 18. Jahrhundert eine Räuberbande hauste, die von hier aus die Handelsrouten unsicher machten, bis ein vogelfreier Student im Gegenzug für seine Begnadigung vom dänischen König beauftragt wurde, der Bande den Garaus zu machen. Schlich sich an die Höhle, warf brennende Äste hinein, wartete, bis die Räuber heraus gerannt rannten und knallte sie einen nach dem anderen ab. Klingt aus heutiger Sicht fast zu einfach. Zumal, woher bekommt man hier oben, wo kein Baum wächst, irgendetwas Brennbares? Magie und Glauben enden dort, wo man zu viele Fragen stellt.

Hinab

Vor der Bergkette breitet sich ein weites grünes Tal. Schillernde Seen blinken uns an und der Himmel lässt sich zu etwas Sonnenlicht hinreißen. Wir stehen und atmen tief ein. Um das Tal herum führt die Schnur, die unser Weg in der Ferne wird, bis zu einer Schlucht, wo der Abstieg nach Haukeliseter beginnt. Beginnt, denn es ist ein widerspenstiger Abstieg. Immer wieder bremst er sich selbst an kurzen Anstiegen ab, stolpert über Geröllfelder, die wir auf meterhohen Felsbrocken überspringen und sucht scheinbar willentlich die kräftezehrenden Schneefelder. Endlich geht es steil bergab. Schlamm und rutschige Steine, langsames Vorwärtstasten, um nicht auf den letzten Metern das Knie zu lädieren. Schließlich finden wir uns auf einer letzten Ebene mit zwei kleinen Seen. People come here on day hikes to fish, erzählt O’Conner. I know how I’d like to fish here! Stick o’dynamite, and boom! Up comes all the fish you need! They did it up from our village until the 70s or 80s. Fished with dynamite. Got busted for it and that was that. Ha!

Die Sonne wärmt. Langsam kehren wir in den August, in den Sommer zurück. Oh Conner schüttelt den Kopf. Last time I came down here there was a girl sun bathing! I thought, what the hell! I asked her, what are you doing here?! She said, oh I just came up here from Haukeliseter. God, and I came here after four or five days on the Vidda! With nothing but wilderness and then this! It was bizarre!

Das Ende

Zuerst tauchen die Dächer von Haukeliseter auf. Die letzten paar hundert Meter sind Steine und Schlamm. Ich rutsche im Schneckentempo hinab. Der Verband am Knie hat sich gelöst, sodass es jetzt wieder schmerzanfälliger ist. An das problemlose Laufen den ganzen Tag über gewöhnt, mache ich eine unachtsame Bewegung und schreie vor Schmerz auf. Zum Glück ist gerade niemand in der Nähe. Alle inneren Systeme sind betäubt und kommen erst langsam wieder zu sich. Noch nicht ganz da, mache ich den nächsten Schritt, eine falsche Drehung und – wieder! Wütend holpere ich die letzten Meter hinunter zur Straße. Vor mir liegt Haukeliseter. Ich überquere die E134 und bemerke plötzlich, dass ich Asphalt unter den Sohlen habe. Angekommen. Der Schmerz ist vergessen. Mini-Vans und Volvos. Eilende Sneaker-Schritte im Regen. Boutique und Restaurant. Mein Verstand kommt einen Moment später als die Augen an.

Haukeliseter, ein ehemaliger Bauernhof direkt am See Ståvatn, ist nun Restaurant, Boutique, Hotel und Berghütte in mehreren schwarz-roten Holzgebäuden im traditionellen Stabbaustil. Eine schmale Holztreppe hinauf betreten wir unsere letzte Hütte. Die Räume sind eng, dunkel und wohlig hölzern. Wie das Innere einer Stabkirche, wie das Innere eines Baumes. Ein hölzernes Doppelstockbett, eine Stube mit solidem Holztisch, darauf O’Conners Plastikflasche mit etwas Restcognac, zwei Plastikbecher und eine Aussicht auf die südlichen Berge jenseits des Wassers. Da sind wir. Man könnte weiter gehen von hier aus, weiter über die südliche Vidda. Nicht diesmal aber. Es ist ein gutes Ende nach fünf Tagen nordischer Wildnis. Fünf Tage, die einem wieder die Größe und den Platz in Erinnerung gerufen haben, den man als Mensch innerhalb der Natur einnimmt.

 

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