Berlin: Treptow vom Wasser

DIE ENTDECKUNG DER VERBINDUNG ZWISCHEN SPREE UND KARPFENTEICH

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Alte Heimat

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“Nächste Station Trepptower Park!“ Mir krampfen sich die Eingeweide zusammen. Jedes Mal. Wo rekrutieren sie nur diese Bahnhofsansager, die es einfach nicht hinbekommen, den Bezirk so auszusprechen wie er heißt? Treeptoh. Wer seine Heimat verlässt, reagiert empfindlicher darauf, wie darüber geredet wird. Treptow. Alte Heimat. Verlassen für den Friedrichshain und später Pankow. Doch vertrauter, als jeder Ort danach. Verwoben mit Kindheit und Jugend.

Aufgewachsen im Johannisthaler Süden, mit der Wende auf’s Gymnasium nach Alt Treptow im Norden. Den Bezirk der Länge nach durchmessen und schließlich hinter mir gelassen. Immer wieder: Schöneweide, Baumschulenweg, Plänterwald. Nächste Station, Treptower Park. Wie dröge. Wie vertraut. Wie sehr meins. Wird es immer sein. Da können Wohnsitze kommen wie wollen. Dieser Platz in mir ist besetzt.

Helmuth Kohl verabschiedet 1994 die russischen Truppen am Sowjetischen Ehrenmal. Wir gucken zu, vom Balkon eines Freundes aus, der in der Straße Am Treptower Park wohnt. Immer kompliziert diese Adresse. Wo wohnst’n? Was sagt man da? Am Am Treptower Park, oder Am Treptower Park? Jedenfalls war’s direkt am Park. Praktisch auch, als wir beim Sportunterricht unter Selbstaufsicht drei Runden Ausdauerlauf um den Park laufen sollten. Klar. Wir, kaum außer Sichtweite, natürlich in seine Wohnung und die Beine hoch. Zur rechten Zeit dann wieder runter, im Sprint zum Treffpunkt am S-Bahnhof, um schön außer Puste anzukommen. Vorbei am Karpfenteich, dem kleinen Binnengewässer zwischen Ehrenmal und Straße Am Treptower Park. Hockeyplatz der Schlittschuhläufer im Winter, Ziel aller Wege im südlichen Park.

Entenfüttern am Anleger der damals Weißen Flotte (heute der Stern und Kreis), nahe dem S-Bahnhof Treptower Park. Bis einem ein Spaßbremser gesteckt hat, dass das gar nicht gut sei für die Enten. Gewissen beruhigt, Freude dahin.

Von Johannisthal über die Schöneweider Treskowbrücke nach Oberschöneweide. Über die nie so richtig schöne Spree in die Brückenstraße, wo sich vor der Wende der wahrscheinlich einzige Obststand Südtreptows befand, an dem man Wassermelonen bekommen konnte. Einmal im Jahr.

Oberschöneweide, Niederschöneweide. Dazwischen, breit, grau und bleiern: Das Wasser. Die Spree. Ader Berlins.

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Auf’s Wasser

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Tolschefski und ich, Freunde aus frühen Treptower Zeiten, beschließen, die alte Heimat vom Wasser aus zu erkunden. Beide sind wir Faltboot-Besitzer. Packsäcke aus dem Keller, ins Auto, nach Schweden, Polen, Mecklenburg, Eichwalde. Ausgepackt, aufgebaut, raus auf’s Wasser – Freiheit.

Und diesmal? Wir überlegen. Haben einen Tag Zeit. Die ganze Routine aus Aufbau, Abbau, danach Bootshaut trocknen lassen, zusammen packen … Tolschefski zieht Strippen und lässt seine Beziehungen zum Kanuverein in Oberschöneweide spielen. Dort schnappen wir uns einfach zwei Kunststoff-Kajaks, tragen die vom Rasen zum Anleger-Steg, lassen sie ins Wasser plumpsen – fertig. Wie leicht das Leben sein kann. Bequemlichkeit obsiegt. Und das Gefühl des Verrats am Faltboot macht sich klein und rollt sich vorne im Bug des Plastik-Bootes zusammen.

Endlich los! Der Himmel ist unentschieden. Zwischen Sonne, Wolken, Regen und Gewitter ist alles drin. Stadteinwärts geht’s nach rechts. Am rechten Ufer ragt das Kabelwerk Oberspree vor uns auf. Die Queen war mal dort in den 90ern. Brauchte England Kabel aus Oberspree? Heute steht immer noch KWO am gelben Backstein, aber die Hallen stehen leer. Bryan Adams hat eine gekauft. Wird er der David Bowie von Ost-Berlin? Der Logik folgend müsste er hier nur ein paar Platten aufnehmen und die Stadt würde ihn zum Ehrenbürger erklären.

Blick vom Wasser – beide Ufer im Blick. Links, über zwanzig Meter Breite an den Kai gemalert: NICI, ICH LIEBE DICH. Am gegenüberliegenden KWO-Ufer die Antwort, über dreißig Meter Länge: I LOVE YOU TOO.

Wir steuern auf die Treskowbrücke zu. Grenze zwischen Niederschöneweider Schläfrigkeit und Oberschöneweider Industrietristesse. Wo außer Melonenstand nichts war. Wir gleiten drunter durch. Bedeutsamkeit des Augenblicks: gegen Null. Zu lange her sind Melonenmangel und imaginäre Konkurrenz zweier Bezirksteile. Die Spree teilt nicht mehr, sie eint, ist Verbindung und angenehme Abgeschiedenheit zugleich. Auf dem Wasser: alles am Ufer in Reichweite, man selbst unerreichbar.

 

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Uferleben

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Schönes Balkongetümmel an der Rückseite der Schnellerstraße. Für uns ist es jetzt die Vorderseite, die man normalerweise nie zu sehen bekommt. Grünes wuchert aus Pflanzkübeln, Sonnenschirme stehen schief, Fahrräder lehnen an Balkongeländern. War schon mal hässlicher hier, denke ich, als sich eine Wand aus Stahl in mein Blickfeld schiebt. Ein Fracht-Schlepper schleppt sich an uns vorbei. Zieht schwere, träge Wellen hinter sich her. Wir drehen den Bug in die breiten Wellen. Die Spree: kein Entententeich!

Enten am Ufer. Allein, zu zweit, in Familie. Stockenten zumeist. Die Weibchen braun gemustert, die Männchen aufgebrezelt mit violetter Schärpe. Allesamt niedlich. Wollen niemandem Böses, verbreiten gute Laune, machen ihr Ding. Gott hat bei den Stockenten ganze Arbeit geleistet.

Hinter der Treskowbrücke wird’s ruhiger. Baumschulenweger Ufer. Dort die Schwimmhalle, hier und da Spreepiraten mit Zelt und Grill, finden immer irgendwo einen Platz. Mediaspree ist weit entfernt. Häuschen und Grundstücke direkt am Ufer. Mit Fahne, Fußball im Radio, Schmerbauch-Vati im Klappstuhl. Kleiner Steg, ein Boot dümpelt davor – Idylle. Wird einem wieder klar, wie gut man hier leben kann.

Tolschefski und ich lassen uns eher treiben, als in allzu großen Aktionismus zu verfallen. Strahlendes Firmament. Wolken malen Landschaften, Heerscharen, Schlachtengetümmel ins azurene Blau. Weit öffnet sich einem der Himmel, breitet sich friedlich über die Stadt, durch die wir scharf an der Midlife-Krise schabenden Fast-40er in unseren Plaste-Booten die Spree entlang treiben. Wie wirklich fantastisch es uns geht. Herrlicher Sonntag, Ruhe, kein Fliegerdröhnen, kein Donnern in der Ferne, freundliche Flugzeuge am Himmel. Alles nicht so lange her, denke ich manchmal, wenn ich die Einschusslöcher an der Museumsinsel sehe. Welches Glück wir haben.

Vor uns teilt sich der Fluss. Links ist es breiter, rechts dadurch rätselhafter. Wo jehtit da hin, wieso diese Teilung? Spannend. Spannung ist manchmal auch eine Frage der Einstellung. Erkundungstour in die rechte Flussbiegung: Ein Reiher sitzt. Macht auf grau und bewegungslos. Sticht aber vom dichten grünen Uferbewuchs ab. Reiher, alter Brandenburger! Jetzt auch in die Stadt gezogen? Erwidert nichts. Duckt sich und fliegt elegant davon. Müsste ich zwischen Reihern und Enten wählen, wären es die Enten. Die haben sich nicht so.

Rechts herum gelangen wir wieder zum Hauptfluss und haben eine Insel umrundet. Dichte Blätter, Wurzelwerk, gestürzte Bäume, Kletterpflanzen. Nichts als Urwald drauf. Man fragt sich immer, wo die ganzen Vögel in der Stadt nisten. Hier zum Beispiel.

 

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Im Norden

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Wir ziehen weiter. Linkerhand die grüne Hölle Plänterwald, vor uns die Schlote des Rummelsburger Kraftwerks. Vattenfall hat die Fabrik übernommen. „Für Berlins Energie geben wir alles.“ Ich denke bei mir, wer noch bei Vattenfall Strom bezieht, kauft auch Eier aus Käfighaltung. Wahrscheinlich die meisten Leute. Die graue Masse. Kommt man an die graue Masse ran? Geht es der grauen Masse zu schlecht für ein gutes Gewissen? Der Mehrheit der Berliner? Schwer zu glauben.

Das Kraftwerk verschwindet hinter uns. Bedeutet: Der Treptower Park ist nicht weit. Wir sind etwas beschämt darüber, mit wie wenig Kraftaufwand wir schon so weit gekommen sind. Legen uns also ins Zeug und paddeln mal so drei, vier Minuten am Stück. Und dann – heiteres Panorama – Treptow Nord ist erreicht! Unter wolkigen Sahnebergen und grauen Schaumgebirgen liegt in strahlendem Sonnenlicht die ganze Herrlichkeit Nord-Treptows vor uns: Elsenbrücke mit Fernsehturm und Allianz-Tower, Halbinsel Stralau, der Anleger der Stern und Kreis-Schifffahrt. Gut gelaunt biegt sich die Abteibrücke zur Insel der Jugend hinüber, ein rotes Wasserflugzeug landet spreewasserversprühend zwischen Stralau und Park, und überall frohlockt ein Gewusel aus Tretboten und flanierenden Wochenendlern, als gäb’s was zu feiern. Sonntag im Treptower Park eben.

Wir arbeiten uns gemächlich Richtung Abteibrücke vor. Eine Frau am Ufer macht Yoga. Oder Tai Chi. Jedenfalls ist sie überrascht, ob der Störung vom Wasser her, hatte sie sich doch extra einen abgelegenen Platz gesucht. Wir trudeln weiter, landen an. Pinkelpause. Lauwarme Brühe beim Ausstieg aus dem Boot. Der Sommer lässt sich nicht lumpen. Die Spree ist pupenwarm.

Weiter geht’s unter der Abteibrücke hindurch. Wir landen auf einen Schwatz mit den Betreibern der Insel der Jugend an. Public Viewing morgen. Schland spielt Argentinien. WM Fieber. Ganz Berlin, Deutschland, die ganze Fußball-Welt dreht durch. Argentinien hofft noch. Noch weiß keiner, dass die Jogi-Jungs das Ding reißen werden. Gute Laune allerorts, als ob man’s schon wüsste.

Über der Elsebrücke schieben sich die Wolken übereinander. Davor tänzelt das Sonnenlicht. Bizarrer Kontrast. Welten in Bewegung. Linkerhand, vor dem Anleger der Stern und Kreis: drei Hausboote. Rechterhand die Condos der Halbinsel Stralau. Beides Premiumlage. Beides Berlin. Was kostet eigentlich so ein Hausboot-Liegeplatz, will ich mich gerade fragen, als über uns die S-Bahn hinweg donnert.

Elsenbrücke. Frühe 90er. Gymnasialjahre. 1. Gymnasium Treptow „Robert Koch“. „Erstes Gymnasium“ klang gut. Ohne Wende wäre ich wahrscheinlich in der Produktion gelandet. So aber: Neue Schule, neue Welt. Und neu entdeckte kulinarische Lebensqualität: „Bester Döner beste Soße, einmal essen nie vergessen.“ Mit hinzugewonnener Ostkundschaft, die ausbrechenden Dönerkriege in Neukölln. Kampfpreise zwischen Einsfünfzig und fünfzig Pfenning. Von Gammelfleischskandalen hatte man damals noch nichts gehört. Guten Gewissens konnte man sich so ein Ding für unter eine Mark reinschieben. Stand ja nichts Schlimmes darüber in der Zeitung.

 

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Grenzfluss

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Elsenbrücke und Jugendjahre schweben über mir nach hinten. Überhaupt schwebt die Welt auf dem Wasser an einem vorbei. Beziehungsweise auf einen zu. Vor uns die Molecule-Men. Die kamen auch in den Neunzigern ins Spiel. Tolschefski in seinem Boot wirkt winzig vor den am linken Ufer aufragenden Treptowers, deren wahre Größe man erst von hier unten wahrnimmt. Daneben: die zerlöcherten Drei. Friedrichshain, Kreuzberg, Treptow. Alle machen „Gib mir fünf“. Harmonie der drei Bezirke. Ob hinter diesem Projekt eine Notwendigkeit nach Harmonie stand? Ich erinnere mich noch, dass bei seiner Entstehung niemand so recht wusste, was die drei denn jetzt hier sollten. Nun sind sie da und warum auch nicht. Wir halten auf sie zu und klammern uns an die Molecule-Feet. Gut hier. Noch schöner muss es nachts sein, wenn die Spotlights an sind.

Wir fahren die alte Grenze entlang. Zwischen Friedrichshain und Kreuzberg. Auf der Friedrichshainer Seite gähnt Media Spree. Klobige Klötze. „Warum nicht“, kann man auch hier fragen. Genauso aber, „Warum“. Letzteres besonders, wenn man sich das Treptower/Kreuzberger Ufer gegenüber ansieht. Badeschiff, Cafés am Landwerkanal, Zeltsiedlungen, Backsteinfassaden und baumschattige Promenaden. Gut, am Ostufer war die Mauer. Gewachsene Substanz kann man da nicht erwarten. Einiges war hier aber schon entstanden. Kürzlich hab ich vergebens nach dem „Oststrand“ gesucht, meiner erklärten Lieblingsstrandbar. In meiner Pankower Ignoranz hatte ich noch gar nicht gemerkt, dass die seit Langem schon einem dem Allianz-Tower Konkurrenz machenden Eigentumswohnblock gewichen war. Media Spree hin oder her – sexy ist anders. Arm auch.

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Visionärer Abstecher

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Wir halten uns am linken Ufer, am alten Anlegesteg, wo ein verrosteter Kahn seit Jahren vor sich hindümpelt. Vorbei an der MS Hoppetosse, die – eben noch hippes Tanzboot – mittlerweile das gleiche Schicksal ereilt hat, bis zum Badeschiff. Der Himmel hat inzwischen bedrohliche Züge angenommen, aber einige Mutige krabbeln noch ins Badebecken oder suchen in Liegestühlen nach einem Flecken Restsonne. Tolschefski und ich würden auch gern mit rein und im gefilterten Spreewasser auf den Regen warten, aber der Bademeister gibt Obacht. Von außen anlanden ist nicht.

Wir biegen in den Landwerkanal ein. Hotspot der Reiseführer. “Club der Visionäre“. Cafeplätzchen und Einkehre auf Holzstegen direkt am Wasser. Techno oder Elektro oder sowas bummert im schmalen Kanal. War mal sehr lauschig hier. Dann kam „Clubmusik“. Den Schwänen macht’s nichts. Eine ganze Familie zieht an den Visionären vorbei. Dann kommen wir nicht weiter, stoßen an die Barriere im Kanal vor der Brücke zwischen Puschkinallee und Schlesischem Tor. Wieder ehemalige Grenze. Hinter der Barriere fällt das Wasser ab. Davor stauen sich Treibmüll und ein dicker toter Fisch.

 

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Richtung Zentrum

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Der Regen! Heftig aber kurz. Die Wolkenheere ordnen sich neu am wieder blauen Himmel. Wir paddeln weiter Richtung Zentrum. Tipis und Kuppelzelte zwischen Bäumen und Uferbänken. Flüchtlingscamp? Wagenburg? Impro-Leben? Gegenüber auf der ehemaligen Ostberliner Seite: Universal und MTV. Zwei Seiten Berlins auf einen Blick.

Oberbaumbrücke. Doppelzipfel mit U-Bahn. Ewige Postkarte. Leute schauen zu uns hinunter. Eat this, Reinhard Mey! Die Freiheit ist mitnichten über den Wolken. Da sieht man ja nicht mal was, weil man eben die Wolken unter sich hat! Sie ist hier auf der Spree zu finden. Die Runtergucker spüren das und schauen noch etwas.

Wir landen beim Hostel-Schiff an, gleich neben dem Speicher. Der heißt jetzt aber Pirates. Wir konterkarieren und holen Stullen raus, halten uns an der Notfallleiter am Ufer-Kai fest. Wellen schaukeln. Stullen schmecken. Drüben am Kreuzberger Ufer bastelt einer ein Holzschiffchen. Setzt es ins Wasser und fotografiert sein Werk.

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Zurück ins Getümmel

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Für jedes unmotorisierte Boot ist ab der Oberbaumbrücke Schluss. Insofern haben wir uns schon in verbotene Gewässer begeben. Pirate Style. Also zurück. Schade, ab hier würde es erst richtig spannend.

Zurück am Treptower Park halten wir auf den Zenner zu, ein Eis unser Ziel. Ah, Zenner! Magnet des kleinen Mannes, der sein Schwerverdientes am Wochenend’ für Molle, Korn und Bocki auf den Tisch legt. Anlegen ist schwer, der zentrale Anleger, quasi die Driveway zum Zenner, ist zu hoch für uns. Wir fühlen uns klein. Kleiner Mann was nun? Wir suchen und finden einen schmalen Seitenkanal, der von der Spree weg unter einer extrem flachen Fußgängerbrücke hindurchführt. Ich konzentriere all meine Yoga-Kräfte und klappe mich zusammen wie ein Victorinox-Messer. Gerade so passe ich durch und schiebe mich vorsichtig auf die andere Seite der Brücke. Tolschefski macht kein Yoga. Aber er ist Ingenieur. Präzisionsarbeiter. Andere Mittel, gleiches Ergebnis.

Hinter der Brücke können wir die Boote problemlos anbinden bzw. ans Ufer ziehen. Tolschefski geht Eis holen. Ich schaue mir das trübe Flies an, auf das wir da geraten sind. Sieht wenig einladend aus. Flach und schlammig. Hineinfallen möchte man da nicht.

Leute pendeln zwischen Insel der Jugend und Zenner. Schauen rüber. Können die Boote nicht ganz einordnen. Ein kleines Mädchen ist aus dem Häuschen, zeigt auf die Kajaks und ruppt an Mutters Arm. Die Eltern möchten weiter.

Tolschefski kommt mit den Eisen zurück. Wir stehen und knacken die Schokoladenummantlung. Betrachten den Kanal. Der führt weiter vorne direkt auf die Straße durch den Treptower Park zu. Ist dort dann wahrscheinlich zu Ende. Muss ja. Mal schauen?

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Ins Unbekannte

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Rein in die Boote, dabei bloß nicht in die Plörre treten. Wir stoßen ab und arbeiten uns langsam den Kanal entlang. Dass es bloß nicht flacher wird und wir noch treideln müssen! Durch Gebüsch und Bäume schimmert eine Wand vor der oben querenden Straße. Autorauschen. Wir biegen um die nächste Kurve – in der Wand ein kleiner Tunnel wie ein Hobbit-Loch. Wir tauchen in den Tunnel. Dunkler Backstein wölbt sich. Vorn ein Kreis aus Licht. Zur Hälfte Tunnel-Öffnung, zur Hälfte ihre Spiegelung. Tanzendes Sonnenlicht. Durch!

Grüne Auen und Ufergebüsch. Der Trubel des Zenners vollkommen verstummt. Hier wird der Kanal enger. Wir stoßen uns nur noch beiderseitig mit dem Paddel am Ufer ab, kommen langsam vorwärts, meandern durch sonniges Grün. Linker Hand ein herrschaftliches Haus. Das ist doch … rechterhand zwei kleine Kuppeln. Die Archenholdsternwarte! Wir sind mitten im südlichen Treptower Park. Im Boot. Nie dagewesene Perspektive. Zu tief unten im Kanalbett um es richtig sehen zu können, aber irgendwo hier muss die große Festwiese sein, wo 1987 Bob Dylan gespielt hat. 750-Jahrfeier Berlins. Friedenskonzert. Großer Moment? Nicht für Bob, der nur hier spielte, weil der Vorverkauf in der Westberliner Waldbühne nicht lief. Sagte kein Wort zu den 70.000 angereisten Ost-Fans. Bis heute redet jeder davon, dass er kein Wort geredet hat. Hatte denn irgendwer dafür bezahlt, Dylan sprechen zu hören.

Wir treiben voran. Wohin? In die Kanalisation? Ist das hier ein Zubringer der Berliner Wasserwerke? Nächste Biegung. Ein Spike-Zaun am linken Ufer, einer am rechten. Um Unbefugten den Durchgang zu verweigern. Aber niemand hat mit den Paddlern gerechnet. Wir einfach zwischen beiden durch. Die Ufer werden dunkler. Hohe Bäume werfen Schatten. Wenden ist hier nicht mehr möglich. Zu schmal der Bach. Müll und modriger Geruch. Vorne treten die Bäume auseinander. Noch einen Meter, und – da liegt er.

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Über den Teich

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Der Karpfenteich! Schlittschuhbahn im Winter, doch jetzt sonnen sich Familien an den Ufern ringsum. Staunen nicht schlecht. Wo die Boote bloß plötzlich herkommen. Wir drehen eine Runde um den See. Herrlich stilles Wasser. Sausen vor uns hin.

Dort die alte Wohnung, Zuflucht vor dem Ausdauerlauf, da der Weg zur Schule, dort der nach Johannisthal. Nie von hier aus betrachtet. Vom Wasser.

Ein letzter Blick in die Runde. Schön, den Durchbruch, diese Wasserstraße gefunden zu haben! Völlig nutzlos, völlig unverhofft. Manchmal reicht die Zeit nicht, manchmal das Geld, um das Fernweh zu stillen, um die innere Unruhe in der Weite zu verlieren. Der heutige Tag hat gezeigt, dass man nicht viel braucht, um neue Horizonte zu entdecken. Ein Boot und gute Gesellschaft.

 

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