Über den Vulkan

 TENERIFFA ÜBERQUERUNG

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“And when there’s no fog, you can see the vulcano from here.“

Der Nebel. Der Nebel, nach dem wir uns fünf Tage lang gesehnt hatten. Und der uns zum Schluss so dicht umhüllte, dass wir Gefahr liefen, uns im Nichts zu verlieren. Vom Vulkan hingegen hatten wir genug gesehen. Ständig war er uns präsent gewesen, im ansteigenden Gelände, in unseren Lungen, den Kilos auf dem Rücken und in den schmerzenden Beinen … Den Vulkan mussten wir nicht sehen, um seiner gewahr zu sein.

Das erste Mal, als ich den Teide zu Gesicht .. naja, das wirklich erste Mal war auf einem Stich in Alexander von Humboldts „Reise nach Südamerika“. Später dann auf Fotos im Rother Wanderführer. Ein Kegel aus schwarz-brauner Erde. Konisch. Martialisch. Ein Berg, der keine Diskussionen zulässt. Nicht freundlich, aber anziehend. Humboldt war dort. In der „Reise nach Südamerika“ macht sein Schiff eine Woche auf Teneriffa halt, weil feindliche Engländer im Atlantik kreuzend die Weiterfahrt behindern. Anstatt einfach ein paar Tage die Fauna des Orotava-Tals zu genießen und Pflanzen zu bestimmen (was er auch tat, seinen literarischen Jauchzer ob des Tales einmaliger Lage und Schönheit zitiert noch heute jeder das Bildungsbürgertum ansprechende Reiseführer Teneriffas) musste er – schließlich handelte es sich um AvH – noch auf die Schnelle den Pico del Teide besteigen. Große Tat. Große Worte darüber. Als fernsüchtiger Berliner lässt man sich gern von den Reisen des großen Landsmannes beeindrucken und –flussen. Als sich dann Ende April ein Zeitfenster von zwei Wochen öffnete, beschloss ich, diese Zeit zu „nutzen“ und nach Teneriffa zu reisen um dort den Pico zu besteigen. Karo, wie isses? Bin dabei.

Natürlich konnten wir uns schlecht wie Sonntagstouristen mit Bus oder Mietwagen an den Berg buxieren. Alles oder nichts, schließlich hatten wir zwei Wochen Zeit. Teneriffa ist dafür bekannt, gleich mehrere Klima- und Vegetationszonen auf seinem kleinen Raum zu vereinen. Vom wüstenartigen Süden, zum Pinienwaldgürtel der höheren Lagen, über das vulkansteinerne Hochland, bis zu den Hängen des fruchtbar-grünen Nordens, über denen die am Pico gestauten Wolken für stete Feuchtigkeit sorgen. All das, die Übergänge von einem zum nächsten Klimat, wollten wir in einer Wanderung erleben.

Internetrecherche, was die Route angeht, ergab nicht viel. Lediglich einen alten Weg konnte ich aufstöbern, von Nord nach Süd mit Zelt, unter Nutzung sehr rudimentärer Campingplätze, oft ohne Trinkwasser. Karo legte ein Veto gegen diese von mir nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip romantisierte Zeltvariante ein. Zurecht, da wir beide nicht wussten, wie wir 3718 Höhenmeter bewältigen würden, mit Rucksäcken, in denen unser gesamter Urlaub inklusive Trinkwasser verstaut war. Von Zelt, Schlafsäcken und Isomatten ganz zu schweigen. Also Übernachtungen buchen. Das erwies sich als kompliziert, da es ab einer bestimmten Höhe auf Teneriffa nur begrenzt Ortschaften und Schlafmöglichkeiten gibt. Letztlich ergab sich nur eine mögliche Variante: Der Weg von Süd nach Nord. Von Los Christianos an der Südküste, über Arona, Vilaflor, das staatliche Hotel Parador in den Cañadas, die Berghütte Altavista unterhalb des Gipfels, nach La Orotava im Norden, und von dort hinab an die Nordküste. Alles zu Fuß natürlich. Busse kamen wie erwähnt nicht in Frage, weil nichts die Veränderung des Landes und der Umgebung so harmonisch erlebbar macht, wie die Fortbewegung zu Fuß.

Am 24.4. 2014 ging der Flug mit Norwegian ab Schönefeld. Aufstehen um fünf Uhr. Viel später sollte es an den kommenden Morgen nicht werden.

Mittwoch, 23. April 2014 

Los Christianos (Meereshöhe) – Montaña Fria  / Arona (630 Meter)

Nachdem wir einige Stunden lang über Europa dahingeflogen sind, ist vor kurzem die portugiesische Küste hinter uns verschwunden. Unten dümpelt eine flache kleine Insel wie eine Amöbe im Atlantik. Sieht unbewohnt aus. War früher sicher mal ein Piratenhafen. Eine Weile später ragt links der nordöstliche Ausläufer Teneriffas, das Anagagebirge, ins Blickfeld. Wir sitzen schlecht. Die Tragfläche verdeckt den größten Teil der Insel. Irgendwie fliegt der Pilot eine Bahn, durch die die Tragfläche immer über dem zentralen Teil der Insel bleibt. Aber jetzt sehe ich ihn! Nun zum ersten Mal wirklich. Eine weiß gesprenkelte, perfekte, über der Insel thronende Spitze. Wie ein spanischer Queso de Tetilla. Unser Nanga Parbat. Schicksalsberg. Humboldtberg. In einer Paradeschleife umfliegt Norwegian die Insel und den Pico, als wolle man jetzt, wo es ja gar nicht mehr nötig ist, auch den letzten Passagier von der Grandiosität und der Notwendigkeit einer Reise hierher überzeugen.

Wir landen auf dem Südflughafen. Praktisch, da im Süden ja auch unser Weg beginnt. Preußische Planung. Aus dem Flughafengebäude raus, fallen wir gleich in den Bus nach Los Christianos. Am Straßenrand erste Drachenbäume, Teneriffas Vorzeigegewächse. Palmen, Sukkulenten, braune Erde: herrlicher Süden. Los Christianos ein Konglomerat aus Hotels Marke Zuckerbäcker meets Disney, am grauschwarzen Strand entlang drapiert. An den Strand muss. Vom Meeresspiegel aus soll’s ja losgehen. Also mit den Füßen ins Wasser. Kühl. Atlantik eben. Keine Mittelmeer-Badeplansche. Nach kurzem Imbiss im Pauschitouri-Restaurant mit gelangweilt-routinierten Kellnern, aber überraschend guter Musik (Johnny Cash / Steve Earl / Lucinda Williams ?!) stapfen wir bergan, die ausgedruckte Google-Map in der Hand. Richtung: Arona.

Es ist T-Shirt-warm, ein angenehm kühler Wind weht. Am Abend werde ich eine Erkältung haben. Nach einer halben Stunde schon lassen wir Hotels und Carretera hinter uns und laufen die Landstraße entlang ins Landesinnere. Agaven, opulent blühendes Hartlaub, gigantische Wolfsmilchstauden. Trockenvegetation eben. Nie flächendeckend, immer konzentriert und auf den Punkt. Eine Pflanze, ein Statement. Was überlebt, ist da. Gras gibt’s keins. Normal. Süden. Früher Nachmittag, Siesta-Zeit. Leere Straßen in den Dörfern. Eine Katze. Ein kleiner Hund guckt. Ein Affenpark. What? Steht da auf dem Schild. Aber kein Affe zu sehen. Mist, falsch gelaufen, aber viele Straßen gibt’s hier nicht. An der nächsten Kreuzung links und schon sind wir in Montaña Fria, „unserem“ Teil von Arona.

Victor, unser Gastgeber über Airb’n’b empfängt uns am Friedhof und bringt uns zu seinem Haus. Treppauf, treppab, durch’s Hühnergehege, noch eine Treppe hoch – da! Gut, dass wir den Weg nicht allen finden mussten. Die Aussicht von seiner Terrasse ist umwerfend. Wir können den Flughafen, die landenden Flugzeuge und unseren kompletten Weg von Los Christianos herauf sehen. Der Südwesten der Insel liegt ausgestreckt vor unserem Blick aus 630 Metern Höhe.

Donnerstag, 24. April 2014

Montaña Fria  / Arona

Heute passiert nicht viel. Ankommen. Muss sein. Ich überlege zu „trainieren“ und mit Rucksäcken auf den nahe gelegenen Roque del Conde (1000m) zu steigen. “Is it hard?“, fragen wir Victor. Er hatte uns etwas freundlich-irritiert angesehen, als wir ihm von unserem Plan erzählt haben, das Vorgebirge des Teide zu Fuß mit unseren Rucksäcken an einem Tag überwinden zu wollen. “If you want to go to Teide, then this is nothing.“, kommentiert er unsere Frage. Der Subtext hier scheint zu lauten, “If you’re you ask about this hill, you’re not serious about the real mountain.“ Aber Victor ist ein Guter. Canario. “This is my grandfathers house. It’s a cave. But you don’t see it anymore.“ Stimmt. Die alten Höhlenbehausungen der Guanchen, der Ureinwohner, wurden mit der Zeit zu teilweise geräumigen, ja luxuriösen Wohnräumen und –bauten umgestaltet und aufgestockt. Dadurch entstanden Konglomerate aus Häusern und Räumen, die sich kaum adressieren lassen. Map this, Google!

Der Tag ist schön, die Sonne scheint, wir sind das erste Mal auf den Kanaren: die Rucksackidee ist schnell verworfen und wir machen uns gemütlich auf den Weg zum Roque. Wieder durch das Hühnergatter, die Stufen hoch zur Straße. Von einem Dach kläfft uns eine Kreatur an. Eine Mischung aus Muppet-Rolf und dreckigem Wischmop. Spitze Zähne geifern aus einem schmutzig grauen Haarbüschel. Lächerlich, wie jeder kleine kläffende Hund, wenn dieser nicht auf dem Dach eingesperrt wäre, als lebende Alarmanlage. Das ist das Ding mit Hunden. Sie werden das, was ihre Herren aus ihnen machen.

Wir streifen durch’s Dorf. Schnell ist das Dorf zu Ende. Vor uns erhebt sich der Roque el Conde. Ein Riesenhaufen Stein, spärlich mit Trockenbusch bewachsen, wie die gesamte Landschaft hier. Die Sonne brezelt. Wir gen Berg. Der Weg zweigt sich. Hier beginnt unsere Wanderung, müssen wir morgen nach rechts. Morgen erst. Schön. Wir also nach links, hinab ins Barranco del Rey, das dem Conde vorgelagert ist. Tal des Königs. Klingt Kara Ben Nemsisch. Unten fällt Karo auf, dass sie gar keine Wanderschuhe anhat. War denn schon klar, dass wir gleich auf den Berg gehen und nicht erstmal Café im Dorf, erstmal kieken, beschaulicher Tag eben? Keine Ahnung. Große ungeplante Planlosigkeit am ersten Tag. Also bleiben wir einfach im Barranco del Rey. Auch gut. Ist nämlich gar nicht so schlecht hier.

Zwanzig Meter geht’s beiderseits hinauf. Rosettensukkulenten und Wolfsmilche ragen von den Wänden und in alle Richtungen, wuchern in den Spalten und scheinbar auf blankem Stein. Karo liegt in der Sonne, ich im Schatten. Momente vergehen. Unklar, wie viele. Schön isses und sehr ruhig. Die Natur macht Geräusche, wir schlummern und lauschen. Ein Vogel piept. Nichts stört. Ich habe nie Leute verstanden, die sich morgens durch Singvögel gestört fühlen. Singvögel, wtf?! Hier singt und summt es. Von uns wird gedöst. Karo umarmt einen Stein. Auf Steine achte nie jemand, und gedrückt gehörten die auch mal! Ich bin daceur und fotografiere sie mit ihrem Stein. Sieht friedlich aus. Nach einer Weile wechseln wir die Barrancoseite. Mehr Schatten. Leute kommen vom Conde runter. Reden aufgeregt. Müssen viel erlebt haben da oben. Ratatatat, geht die Konversation. Bald sind sie die andere Wand wieder hoch und weg. Abermals ertönt Ruhe. Nach einer Weile mehr Conde-Bergsteiger. Neongrelle, ratternde Gespräche verlieren sich im brezelnden Nachmittag. Wir bleiben wo wir sind. Ich untersuche eine besonders schön wuchernde Sukkulente. Karo liegt auf einem neuen Stein. Wie eine Echse. Fantastischer Nachmittag, fantastische Ankunft auf Teneriffa. Wir sagen adios zur Schlucht. Von ihr kommt Schweigen.

Zurück im Dorf: Kurzer Besuch der Kirche. Jesus blickt gesund und kraftstrotzend vom Altar. J.C., hast auch schon mal übler ausgesehen. Warum nicht immer so? Keine Leidensmiene, keine erhobenen Finger, dafür die nach unten hängende Hand leicht angehoben, mit der Handfläche nach vorn. Als wolle er uns mit der Geste anschieben. Man glaubt halt Zeichen zu sehen, wo man sie sehen möchte. Gar nicht so schlecht, dieses Glauben.

Palmen, Bäume mit grauen, glatten Stämmen, mächtigen Ästen und weit ausladenden Kronen. Unterhalb einer besonders großen: die Bar Gela. In Spanien ist jede Bar anders und zugleich gleich. Tapas-Theke, Flachbild-TV, Herren im Gespräch quer durch den Raum, grelles Licht, Spielautomat (optional). I’m loving it. Wir hinein, Cerveza por favor und die Karte bitte. Gut klingt Ziegenkäse mit Mojo. Mojo, Alta! Muss ein geiler Käse sein. Wir erfahren, dass man es Mocho (ch:[x]) ausspricht und es sich um kanarische Soße handelt. Kommt in grün und rot. Wie Berliner Weiße. Und Ampelmännchen. Also einmal das und Kichererbsen para mí. Beautifiul food! Der Ziegenkäse schmilzt im Mund umher, das Bier tut seinen Job. Im Flachbild dümpelt Bayern gegen das überlegene Madrid. Die Stimmung in der Bar ist gut. Wir gehen in der Halbzeitpause, bevor unsere Herkunft mit Bayernbegeisterung gleichgesetzt wird, und machen am kläffenden Mopp vorbei zurück zur Casa Victor.

Angekommen, gibt’s für uns kanarische Papas arrugadas, Kartoffeln mit Pelle, sehr salzig gekocht mit rot/grüner Mojo. Früher hat man, wahrscheinlich aus Mangel an Süßwasser, die Kartoffeln in Meereswasser gekocht. Und da so ziemlich alle Traditionsgerichte ihren Ursprung im arme-Leute-Essen haben, ist es jetzt Tradition, die Kartoffeln wenn auch nicht mehr in Meerwasser, so doch sehr salzig zu kochen. Außerdem gibt uns Victor fünf hartgekochte Eier aus dem Gatter nebenan als Wegzehrung für morgen. Papas rot/grün. Einmal Papas Ampelmann, bitte. Hö! Einige bleiben übrig, auch die werden Wegzehrung.

Die schnell hereinbrechende Dunkelheit überrascht uns. Dämmerung ist hier nicht von Dauer. Deshalb wohl gibt es im südlichen Raum auch kaum ein Faible für schummriges Licht, sind die Kneipen immer hell ausgeleuchtet. Noch ein Blick auf die Sterne und die blinzelnden Lichter der Südküste, dann ins Bett. Wann geht morgen die Sonne auf? In Berlin zuletzt um sechs Uhr. Wecker auf sechs Uhr, Augen zu.

Freitag, 25. April 2014

Montaña Fria / Arona (630m) – Vilaflor (1400m)

Zwei Dinge sind mir im Vorfeld der Wanderung durch den Kopf gegangen: A) werden wir mit den Höhenmetern und dem Gewicht (Trinkwasser) klarkommen und B) wann gehen wir los, damit wir möglichst lange vor der Tageshitze unterwegs sind.

Was Gewicht und Höhenmeter angeht hat bisher keiner von uns beiden etwas Vergleichbares hinter sich. Ich bin zwar ’99 auf Kreta mit vollem Rucksack und Übernachtung im Freien auf den Psiloritis hoch, aber damals hatte ich nicht einen kompletten Urlaub auf dem Rücken. Was das Wasser angeht, gehe ich auf Nummer sicher und verordne uns fünf 1,5L Flaschen. Karo zwei, ich drei. Mit Essen und dem Rest schleppen wir um die 17 bzw. 12kg. Der erste Tag ist ausschlaggebend, was Länge und Höhenmeter angeht. Schaffen wir den, schaffen wir den Rest. Auf keinen Fall will ich deshalb zu spät los.

Wann geht die Sonne auf? 2003 auf dem Camino war die beste Startzeit stets kurz vor Anbruch der Dämmerung. Sechs Uhr ist draußen noch alles stockfinster. Teneriffa könnte evtl. anders ticken als Berlin, ging es mir noch gestern durch den Kopf. Eine etwas überfällige Überlegung, schließlich liegt es vergleichsweise nahe am Äquator. Scheiße, was heißt das jetzt für den Aufgang der Sonne? Die Tage werden länger. Je nördlicher, desto länger. Also hier wohl etwas später hell als in Berlin. Sechs Uhr dreißig: kein Lichtstreifen am östlichen Horizont. Sieben Uhr fünfzehn: es rötet. Auf! Kleine Dankesnotiz an Victor hinterlassen, Bananenfrühstück, los.

Der Tag milcht in den Morgen hinein. Wir stapfen den bereits gestern sondierten Weg hinauf durch’s Dorf, an den Rand des Barranco del Rey. Der Kopf einer Mietz lugt über die Mauer des letzten Gehöfts. Eine Wachkatze. Karo frohlockt und redet auf die Mautz ein. Kamera wird gezückt, auf Seiten der Mietz keine Miene verzogen. Müdes Blinzeln. Wir: entzückt. Tschüß. Dem geschwungenen Sattel zwischen Roque el Conde und Roque Imoque entgegen. Der Roque Imoque ist ein gute-Laune-Berg. Klein, und durch seine Miniatur-Matterhornform um Aufmerksamkeit heischend. Sein Name allein schon macht ihn sympathisch. Ihn auszusprechen hebt die Stimmung. Der Name wird noch oft fallen.

Flaches Trockengestrüpp um uns. Der Weg steigt an, wir keuchen den Sattel hoch. Gewicht? Zu ertragen. Kurze Dämmerung. Die Sonne geht auf. Mit ihr kommt die Hitze. Die Luft aber bleibt angenehm kühl. Gut für uns. Blick zurück auf das unten liegende Arona: weiß-terrakottafarbener Sprenkelfleck vor dem sich ausbreitendem Meer. Frühmorgentliche Augenweide. Blick nach vorn: Die Sattelwand. Plötzlich dahinter aufragend: Die scharfen Klippen des ersten Gebirgszuges. Der Blick fällt in die Tiefe. Wir schauen beglückt, stehen zwischen Conde und Imoque und zücken die ersten Schokoriegel. Wind weht kühl, also weiter hoch, ins Landesinnere. Der Weg kratzt am Hang entlang. Sukkulenten blühen, Wolfsmilche stehen stramm: Gute Gesellschaft. Plötzlich: zittrige Knie, leichter Schwindel – wtf?! Schwächel ich etwa schon? Nein: Essen braucht’s! Ohne nennenswertes Frühstück sind wir unterwegs. Wie lange? Ein Zeitgefühl gibt es nicht wirklich. Eine Stunde, eine halbe? Zwei sind es. Mit Blick auf die Hotelburg-Miniaturen von Playa de las Americas setzen wir uns an den Hang, knacken gekochte Eier und kombinieren Käse-Brot-Tomate. Die Königskombination beim Wandern. Lebensgeister wieder da? Ja. Also weiter.

Einen Kamm entlang, über einen weiteren Sattel, verlassen wir den Küstenblick und sehen die ersten Häuser von Ifonche, wie Fetawürfel verstreut, auf einer Ebene mit vereinzelten Pinien. Die ersten Bäume, herrliche noch dazu. Bis zu dreißig Zentimeter lange Nadeln filtern die rare Luftfeuchtigkeit und verbreiten südlichen Duft. Praktisch und schön. Hat der Schöpfer ganze Arbeit geleistet. Die Erbauer von Ifonche dagegen nicht. Kaum als Dorf erkennbar gibt es hier nicht mal eine Bar. Ohne Halt durchqueren wir den Ort und tauchen ein in die Baumzone, in den Pinienwald.

Sommerwaldwärme strömt durch die Luft. Wir atmen tief. „Why does she sing these sad songs for me, I’m not the one“. Townes van Zandts “For the sake of the song“ fährt aus dem Unterbewusstsein in die Beine, wird zur Rhythmus angebenden Begleitmusik im Kopf, hakt sich fest, kehrt immer wieder. Nicht die schlechteste Begleitung. Vor Jahren hatte sich beim Wandern mal Phil Collins’ “Two Hearts“ bei mir im Kopf festgekrallt. Und das hat nicht mal Gehgeschwindigkeit! Bin meinem Unterbewusstsein also dankbar für Townes.

Schattige Geborgenheit nach der struppigen Desolation der Südküste. Es atmet sich leichter, federnde Schritte. Einst bedeckte dieser Wald die gesamte Insel. Erobernde, Zivilisation bringende Spanier taten was Eroberer tun, sie „nutzten“ die Resourcen. Jetzt steht der Rest des Waldes, der Gürtel um die steinige Mitte der Insel, unter Schutz. Keine Holzindustrie. Ziegenfraß wird geldgebußt. Gut.

Wir bummeln durch den Halbschatten, das Gewicht der Rucksäcke verliert sich im Pinienduft. Raste am Stamm. Ausatmen, Blick ins schöne Nichts. Die meisten Bäume sind noch verkohlt, von den verheerenden Waldbränden 2012. Sie können Feuer jedoch problemlos verschmerzen. Neues Grün büschelt bereits auf der verkohlten Borke und gibt den Bäumen ein borstiges Aussehen. Der Borstel hat’s gesehen, der Borstel hat’s gesehen … Beim Laufen kommen und gehen Gedanken. Ketten. Kettenraucher und ihr Dauerargument Helmut Schmidt. Ist Johannes Heesters ein Argument für ein Durchschnittsalter von hundert Jahren? Waldlücke. Die Sonne krallt an der Haut. Frauen, die sich über Angelina Jolie aufregen. Wie Sterne, die über die Sonne bitchen ohne zu wissen, dass sie selbst Sonnen sind wir eigentlich schon bei dem Barranco, wo der Weg auf der Karte den Knick macht? Wir überqueren eine kleine Brücke, der Weg schraubt sich wieder in die Höhe, weiter in die Pinien hinein. Sind Pinien eine Kiefernform oder Kiefern eine Pinienform? Es gibt Pedanten, die nicht umhin können, ihr Wissen ob solcher Feinheiten bei jeder sich bietenden Gelegenheit ungefragt an den Mann zu bringen. Intellektuelle Übung. Dinge zu bezeichnen. Korrekt zu bezeichnen. Dinge einzuordnen. Die Notwendigkeit der Zwanghaften. Den Überblick behalten, die Umwelt überschaubar halten, auf Abstand. Distanz zwischen uns und den Dingen. Bezeichnungen schaffen Distanz. Bleib mir bloß mit deiner pedantischen Schulmeisterart .. Au! Scheiße, fast gestolpert. Negative Gedanken lassen einen straucheln.

Warum gehen wir wieder bergab? Alles, was wir runtergehen, müssen wir später wieder hoch. Bloß nicht runter! Runter, runter, runter … Pinien stehen kreuz und quer – wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor. Ist der Sarotti-Mohr eigentlich noch P.C.? Jetzt zick-zackt der Weg nach oben. Der Rucksack drückt. Ich versuche, rhythmisch zu atmen. Zwei Schritte – ein, zwei Schritte – aus. Der Hals kratzt. Geheimwaffe: Ricola, Sanddorn Geschmack. Würde ich sofort Werbung für machen. Kann nicht mehr. Keuchen. Pause? Karo: Gerne! Wir fallen auf den Hang des tief eingeschnittenen Weges, Hintern suchen Sitzflächen zwischen großen Steinen. Wasser, Schoki, Brot. Apathie macht sich breit. Janz schön lang, der Weg. Will nicht enden. Laut Beschreibung müssen wir an Terrassenfeldern vorbei. Die waren schon. Kommen aber noch welche. Is noch’n Stück bis Vilaflor. Also auf. Wir laufen uns in Trance. Der Nachmittag schaukelt in den Abend. Dann irgendwann ein Haus, eine Mülltonne, ein Restaurant. Wir: Angekommen! Ich rupfe Karo zur Feier eine Blume vom Wegesrand. Orange etwas-Blume, schön bist du, mit oder ohne Artenbestimmung durch zwanghafte Artenbestimmer – hoppla! Fast gestolpert.

Der Weg durch den Ort fällt ab, steil nach unten. Müssen wir das morgen etwa alles wieder hoch? Jetzt egal. Jetzt Hotel finden. Befindet sich gefühlt am anderen Ende des Ortes. Hotel El Sombrerito. Benannt nach dem Berg El Sombrero, der, hoch oben in den Bergen über Vilaflor gelegen, eher wie eine flache Torte als wie ein Hut aussieht.

Wäsche waschen, Einkauf. Essentiell, bevor der Supermarkt schließt. Tomaten, Brot, Eis. Karo findet, das reicht. Ich bestehe auf Nüssen und gekringelten Vilaflorer Gebäckspezialitäten. Eine Diskussion. Ich setze mich durch. Mein Argument: Hunger am Berg ist kein Ponyhof. Dann ins Hotelrestaurant. Wir bestellen Gofio: zu grauer Pampe angerührtes Mehl. Als Victor mir diese teneriffenische Spezialität beschrieb, glaubte ich, ihn nicht richtig verstanden zu haben. Aber das ist es tatsächlich. Mais, Linsen, Hafer, was-auch-immer-Mehl mit Milch angerührt. Zucker optional. Keine Ahnung, welches Mehl das hier ist, aber Gofio ist nicht unser. Graue Pampe. Mit Speck. Macht es nicht besser. Aber when in Rome: Wir essen auf. Tag war lang. Dazu gibt’s Kichererbsen (woher kommt eigentlich der bekloppte Name?) und – muss – Bier! Ich döse völlig apathisch im Wachzustand. So anstrengend war es also. Karo versucht mich in ein Gespräch zu lotsen. Aber jetzt wo alle Körperanspannung von mir abfällt, bin ich total im Eimer und kann nur noch essen und gucken. Die Dorfjugend grölt. Alle sind aufgekratzt, weil heute der Dorfheilige gefeiert wird. Einmal im Jahr das große Fest in jedem Dorf. Und wir mitten drin! Alle Achtung. Ich trink mal noch ein Schluck. Drüben pinkelt ein Jugendlicher neben das Gemeindehaus. Ich streiche einen der vielen Minuspunkte für deutsche Jungproleten. Sind scheinbar doch nicht so exklusiv peinlich, wie ich immer dachte.

Morgen früher raus, jede sonnenlose Minute zählt. Wecker auf sieben Uhr. Schlaf.

Sonnabend, 26. April 2014

Vilaflor (1400m) – Hotel Parador / Cañadas (2784m)

Mein iPod weckt uns mit Kirchenglocken. Kläglicher Versuch, einen passenden Ringtone zu wählen. Diesmal ist die Zeit minutiös abgepasst. Die Rucksäcke wieder mit Wasser auf Schwerstgewicht aufgefüllt laufen wir in den grauenden Morgen. Sterne am Himmel. Viele Nadelstiche durch Gottes Bettdecke über der Welt. So wie die Sterne strahlen muss es bei Gott oben sehr grell sein.

Wir verlieren den Weg bereits im Ort und orientieren uns an anderen Wanderern. Bisschen wie auf dem Camino. Alles vor Sonnenaufgang los. Bis uns auffällt, dass alle Anderen bergab gehen. Und nicht wirklich ausgerüstet sind. Es sind die Dorfbewohner, die dem Heiligtum ihres Dorfheiligen zustreben, irgendwo unterhalb Vilaflors. Die gestrige Feier setzt sich in einer frühmorgentlichen Wallfahrt, einem Wallgang, fort. Fataler Irrtum, das Caminobild zerplatzt wie ein Traum im Weckerschellen. Natürlich gehen die nicht unseren Weg. Keiner außer uns macht das zu dieser Uhrzeit.

Unsere Richtung ist aber schnell gefunden und, die Wallfahrer kreuzend, geht es steil bergan. Kein Warmlaufen heute. Direkt an den Hang, ohne Switchbacks. Wir keuchen in der Morgendämmerung, kurz darauf im ersten Sonnenlicht. Der Wald erwacht um uns, der Tag erstrahlt, wir sind bereits erschöpft. Pause und erstes Frühstück. Ich probiere die Vilaflorer Kringel. Es ist wie in gezuckerten Wüstensand zu beißen. Schnell spüle ich mit Wasser nach, bevor das Zeug mir komplett den Mund austrocknet. Weiter. Durch einen Barranco. Taginasten (!) Mit Ausrufezeichen alarmiert uns der Rother Wanderführer. Also Augen auf. Schon sehen wir sie stehen, die Pflanzen gewordenen Spitzhüte der Semana Santa. Bis zu zwei Meter hohe spitz zulaufende Kerzen, im Frühling mit tausenden kleiner dunkelroter Blüten bespickt. Unsere hier sind schon ein drittel voll. Großes Glück dieser Wanderung: Überall blüht es. Kakteen, Margeriten, Sukkulenten,…rot, gelb, weiß, violett, blau, und bordeaux farbtupfert es um uns herum wie sonst wohl das ganze Jahr nicht. Und jede Blüte schiebt uns ein paar Meter weiter die Berge hinauf.
Bald sind wir auf einer Höhe mit El Sombrero und genießen phänomenale Ausblicke hinab in die Tiefe, auf die Hänge und Ortschaften der Südküste. Dort der Flughafen Reina Sofia, da unser Weg hinauf nach Arona … all die Schlepperei ist es Wert in den Momenten des Durchatmens, des Genießens. Ein bisschen wie im Leben, denke ich. Simple Freude, simple Gedanken. Wasser trinken! Wird der Rucksack leichter.

Die ganze Zeit seit Arona folgen wir dem Fernwanderweg GR 131, der dem alten Verbindungsweg zwischen Norden und Süden folgt. Irgendwo müssen wir heute aufpassen, da es zwei Wege gibt. Einen östlichen, der auf den größten Gipfel des Teidevorgebirges, den Guajara, führt. Und einen westlichen, der über einen Pass, ohne den Guajara-Gipfel-Umweg, in die Ebene der Cañadas, die Lavagesteinödnis am Fuß des Vulkans, führt. In dieser Desolation, wie ein Vorposten im Lande Mordor, liegt das Hotel Parador. Das ist heute unser Ziel. Zirka sechs Stunden reine Gehzeit. Sollte also zu machen sein. Weil wir Gott sei Dank nicht über den Guajara müssen.
Wir erreichen die erste Weggabelung, wo man einen Abstecher zur so genannten Mondlandschaft, der Paisaje Lunar, machen könnte. Auf den Bildern im Wanderführer sieht sie nett aus, aber wie nichts, was man so von den Bildern der Mondlandung aus dem TV  kennt. Paisaje Lunar wird also ausgelassen und weiter geht’s, dem GR 131 nach. Wunderbar markiert, ein Traum in weiß-roten Rundpfosten. Um uns herum entpinienwaldet es sich langsam. Etwa hundert Meter unterhalb des Weges erspähen wir die verpasste „Mondlandschaft“ und müssen unwillkürlich an das Elbsandsteingebirge denken. Nur, dass letzteres weitaus spektakulärer daherkommt. Teneriffa, du hast viel zu bieten. Sandsteintürme aber sind in der Sächsischen daheim.
Vor uns hebt sich der Weg ins Himmelblau. Die Kiefern treten beiseite, geben den Blick frei auf schwarzsandigen Boden, nackte dunkelbraune Hänge. Dünenartige Berge jenseits der Baumgrenze. Hier ungefähr beginnt der Nationalpark, der das gesamte Vulkangebiet um den Teide umfasst. Die Hitze steht zwischen den Kuppen, Steine markieren den Weg, der einen Rücken sanft hinauf führt. Locker gibt der schwarze Vulkansand unter den Schuhen nach. Eine Taginaste ragt in unsere Richtung – bizarr in dieser sonst pflanzenlosen Landschaft. Hallo Taginaste, noch keine Blüten hier oben? Der Frühling kommt, haben ihn schon gesehen, halt durch.
Füße wie Blei. Dafür, dass dieser Rücken fast waagerecht verläuft, ist das Gehen verdammt anstrengend! Schwarzsandiger Rücken, trügst du? Oben, wo noch ein paar verwachsene Kiefern der Höhe trotzen, blicken wir zurück und sehen, wie steil dieser Abschnitt tatsächlich war. Kein Wunder, dass wir völlig fertig sind. Wir fallen unter eine Kiefer und atmen aus. Tomaten-Brot-Käse-Routine. Etwas raschelt in den herabgefallenen Nadeln.

Ein Drache. Erstarrt mustert er uns, zur Flucht bereit. Seit Beginn unserer Wanderung begleiten sie uns. Zehn Zentimeter lang und hellbraun gemustert die Kleinen; schwarzäugig, grauschwarz, mit blauen Flecken am Kopf und bis zu fünfundzwanzig Zentimeter lang die Großen. Manche sagen Eidechsen. Welch würdelose Bezeichnung. Und überhaupt, was für einen Eid soll das sein, den eine Echse schwört? Einen auf die Treue zur Sonne? Überall rascheln sie von ihren Solarienplätzen, sobald wir uns nähern. In den Augen nichts, was uns mit ihnen verbindet. Drachen eben. Zugegeben, ohne Flügel. Es gibt eben solche und solche. Einer nähert sich uns seltsamerweise. Das tun sie sonst nie. Auf einem Stein liegt ein Käsekrümel. Der Drache krabbelt auf ihn zu, guckt, sichert in unsere Richtung und schnappt nach dem Krümel. Käseweiß verschwindet in rotem Drachenmaul. Das letzte Mal habe ich dieses Maul in einer Doku über Varane gesehen. Exakt gleiches Maul, gleicher Drache, gleiche Kälte im Blick. Nur hier im Miniaturformat. Gebannte Zwergengefahr. Der Drache leckt sich das Varanenmaul. Wir sind entzückt. Karo sitzt am nächsten. Sie soll sich etwas Käse auf die Hand legen und sie ihm hinhalten. Sie weigert sich. Der könne ja beißen. Ich kann mir in dem Minimaul keine spitzen Zähne vorstellen und überrede sie mit dem Argument, später erzählen zu können, Drachen hätten ihr aus der Hand gefressen. Das zieht. Der Köder liegt, Hand ausgestreckt, bereit. Der Drachen, inzwischen wieder weg, lugt hinter einem Busch hervor. Inzwischen haben sich auch ein paar seiner Kumpels eingefunden. Drei Kreaturen mittleren Ausmaßes nähern sich. Einer wagt sich vor. Er schnappt nach einem vorgelagerten Käsekrümel und zieht sich zurück. Die anderen wollen auch was. Gier macht sich breit. Ein zweiter arbeitet sich zur Hand vor. Sichert, krabbelt auf die Hand. Karo hyperventiliert still. Er öffnet das Maul, schnappt den Käse und schluckt. Spitze Zunge leckt am Maul. Weg ist er wieder.
Ich will auch. Klar. Neuer Käse, meine Hand ausgestreckt. Kein Drache traut sich ran. Könnte ich mir was drauf einbilden, stünde aber nicht im Verhältnis zur Größe der Tiere. War schließlich auch nicht meine Intention. Bin deshalb stattdessen gekränkt. Schließlich hatte ich die Idee, war der Weg zur Zähmung der Bestien meiner. Aber nur zu Karo wollten sie. Drachen, Prinzessin, schon klar. Bloody dragons!

Wir sitzen da, mit grandiosem Blick den Bergrücken hinab, auf die noch entrücktere Südküste. Man denkt immer, höher geht doch kaum! Doch mit jedem Höhenmeter wird alles noch kleiner, entfernter und ist doch völlig klar zu sehen. Das Meer wirkt wie ein angehobenes fahlblaues Tuch, so hoch spannt es sich zwischen Küste und Horizont. Dort liegt Gran Canaria, langgestreckt zwischen Wolken und Wasser. Fast möchte man meinen, im Himmel schwebend. Wo beginnt der Himmel, wo endet das Meer? Die klaren Linien verwischen in der Ferne, im Dunst.
Andere Wanderer kommen den Rücken herauf. Da wir nicht genau wissen, auf welcher Höhe des westlichen Weges wir sind, fragen wir kurz ein deutsch französisches Paar. Wir sollten kurz vor dem Pass sein, unser Aufstieg bald geschafft. Danach geht es dann nur noch bergab. Fertig genug sind wir. Der Franzose hat GPS dabei. Praktisch, chapeau! Er zeigt uns, wo wir sind. Sein Finger zeigt auf eine Stelle links neben dem Guajara. Auf dem östlichen Weg! Es ist wie ein Schlag in die Magengrube. Wie zehn Kilos extra aufgebürdet zu bekommen. Wir sind auf dem Weg über den Gipfel des Guajara.

Die ganze Zeit laufen wir falsch. Nicht auf dem westlichen Passweg, sondern auf der östlichen Route. Hier lang gibt es nur eine Möglichkeit. Über den Gipfel des Guajara hinab in die Cañadas. Dreihundert Höhenmeter extra. Als ob Hitze und Ausgelaugtheit nicht schon genügen würden. Wie konnte das passieren? Wir schauen noch mal im Führer nach. Am Abzweig zur Paisaje Lunar – Bloody Paisaje Lunar! – hätten wir den GR131 verlassen und einem grün gepunktet markierten Weg nach links folgen müssen. Überlesen. Treten könnte man sich! Das Unterbewusstsein wollte dem bequem markierten GR folgen, und das Bewusstsein natürlich hinterher. Diesen Scheißberg jetzt also doch noch! Zurück ist es zu weit, also nach vorn. Können wir noch? Wir müssen. Steil zackt sich der Weg den Gipfelhang hinauf. Blendendes Bimsgestein. Hell, gelb, beige, ein Schritt nach dem anderen. Die Sonne greift nach der Haut. Schritt. Einatmen. Schritt. Ausatmen. Kurz halten. Karo geht irgendwo hinter mir. Ihr Gesicht erstarrt zu einer Verwünschung. Gilt die mir? Dem Berg? Dem Weg?  Das Zeitgefühl verabschiedet sich wieder in die flirrende Hitze. Man geht in Trance. Oben ein zerklüfteter brauner Grat aus Lavastein. Irgendwann sind wir dort, auf dem Gipfel des Guajara. Verfluchter Brocken! Dich umgehen zu können war meine Freude, meine Hoffnung! Aber wir sind oben. Ein grobes Viereck aus Steinmauern war vielleicht mal die Gipfelhütte. Die Stille ist absolut. Wir gehen bis auf die Kuppe und es verschlägt uns den Atem. Vor uns wie eine tausendfach vergrößerte braunschwarze Pyramide steht das gesamte Blickfeld einnehmend der Teide.

Wir schweigen und starren. Keine Freude ob der ersten Begegnung. Keine Zuversicht oder sportliche Anspannung. Eine stille Niedergeschlagenheit schleicht sich zwischen uns. Und eine Last, schwerer als das Gewicht all dessen, was wir zu tragen haben, legt sich angesichts unseres Ziels in diesem Moment auf uns.
Wir stehen auf dem höchsten Gipfel des alten, riesigen Vulkankraters, siebzehn Kilometer in Durchmesser, der jetzt wie ein Schutzwall die Einöde des Teide umgibt. Dunkle Zerklüftung, gezackte Lavazungen, erstarrt zu ewigen Monumenten der Naturkräfte. Nichts Lebendiges, das uns grüßt, kein Grün, kein Zeichen des Lebens in dieser endlos weiten, schwindelerregend tiefen Senke aus totaler Hitze und Leblosigkeit. Diese Düsternis saugt die Zuversicht aus uns. Eine Wand, unendlich hoch, alles helle, lichte absorbierend. Dort – ein paar Krümel Gebäude – ist das Parador. Da drüben, ein kaum sichtbarer Zwirn, die Teleferico-Seilbahn, die die Sonntagstouristen bis unterhalb des Gipfels bringt. Und dort, irgendwo hinter der riesigen Flanke, nach rechts hin, muss der Weg zur Berghütte Altavista sein, in der wir morgen sein wollten. 3260 Meter hoch. Wie soll das an einem Tag zu schaffen sein. Vom Parador durch die Cañadas bis dort oben. Bei dieser Hitze. Mit diesem Gewicht auf dem Rücken. Hier beginnen die Zweifel, ob das zu machen ist. Ob es sein muss. Wir sitzen auf dem Guajara. Auch nicht so schlecht, denken wir. Von hier können wir ohne Schande ins Parador und morgen, am Teide vorbei, zum nördlichen Nationalparkeingang „El Portillo“, und von dort nach La Orotava absteigen. Auch eine tolle Leistung. Inselüberquerung wäre im Sack, die Ehre gerettet. Entscheidung: erstmal nichts entscheiden. Heute ins Parador, verdienter Luxus, morgen dann weitersehen.

Die Stille zerfällt unter lautem Palaver eines Wandergruppenführers. Lauthalse Kommentare über in der Ferne zu erspähende Inseln, über Himmelsrichtungen, geologische Teidebeschaffenheit und darüber welche anderen Gipfel man nicht schon abgehakt habe. Dann ein inbrünstiger Ausruf, dass die Stille doch das tollste am Gipfel sei. Nicht, dass er diese dann auch nur fünf Sekunden lang genießen würde. Nein, das Kommentieren geht nahtlos weiter! Die Angst kleiner Menschen, sich einen Moment lang nicht zu beweisen, nicht zur Schau stellen stellen zu können und der eigenen Kleinheit gewahr zu werden … wie groß muss sie sein. “Was versteckt ihr denn in euren Rucksäcken?!“, inquiriert der Führer, Rechtfertigung dafür einfordernd, dass wir beim Aufstieg offensichtlich mehr geleistet haben als er. Unseren gesamten Urlaub, kontert Karo galant, Lächeln inklusive. Hut ab. Ich wär ihm am liebsten an den Hals gegangen.

Eintrag ins Gipfelbuch (“Habt ihr das auch wieder richtig zurückgelegt?“) und wieder nach unten. Wir rutschen durch federleichten Bimsstein, je heller, desto leichter, bis auf einen Grat, dann Richtung Einöde, nach innen, in die Cañadas. Wir erreichen eine Schotterstraße, die an meterhoher, schroffer Lava entlang führt. Es ist keine schöne Gegend. Beeindruckend, ja. Aber das Herz geht einem nicht auf. Das Glück in unberührter Natur zu sein, stellt sich nicht wieder ein. Die Sonne sinkt, die Lavamassen gewinnen an Schwärze. Ewig windet sich die Straße, bevor sie endlich ans Parador gelangt. Wir stehen vor dem Eingang. Staubig, am Ende, verschwitzt. Spaniens edle staatliche Hotelkette. Bizarr. Schiebetüren gehen auf.

Der Rezeptionist begrüßt uns mit unverhohlener Kühle. Ausgestreckte Finger schieben uns Formulare entgegen. Fragen treffen auf knappe Antworten. Unser Zimmer sei da und da. Keine Anstalten, unser Gepäck hinaufbringen zu lassen. Is this the fucking Parador, or what?
Das Zimmer, ein Traum aus an uns verschwendetem Luxus. Flachbild-TV. Bei der Dusche allerdings darf’s gern edel sein. Zwischen zwei separaten Waschbecken sauber aufgereiht: Parador-Shampoo, Parador-Conditioner, Parador-Soap und Parador Kamm. Ich breche alle Flaschen an, benutze alles. Aaaah, Dusche! Jungbrunnen des verstaubten Wanderers. Neugeburt in glückseliger Wasserverschwendung. Hinterher fühle ich mich allerdings noch müder. Wie am Vorabend in Vilaflor fällt jetzt wieder alle Kräfteansammlung, alle Konzentration von mir ab und es bleibt nur ein schlaffer, ausgelaugter Kern.
Karo hat den Hotelpool entdeckt. Sie beschließt, dass wir da hin müssen. Ich bin wegen meiner Erkältung und dem kühler werdenden Abend skeptisch, aber zu schwach um Einwände zu erheben. Wir traben zum Pool, rein – schön! Ich – völlig im Eimer – muss aufpassen, dass ich nicht untergehe. Jetzt der Höhepunkt des Abends: Cena, Abendessen im Restaurant.

Wir haben einen schönen Tisch. Mir fallen die Augen zu. Wir gönnen uns Fisch, Papas arrugadas, mit rot/grüner Mojo und Kürbissuppe. Die Kellnerin kommt und klimpert mit drei Bestecksorten. Danach passiert erstmal nicht viel. Hoffentlich dauert das nicht zu lange, bin so wahnsinnig müde. Karo versucht Konversation. Ich versuche nicht einzuschlafen. Ah, da kommt die Kellnerin … mit Getränken. Wein für die Dame, Cerveza para mi, gracias. Auch schon mal was. Ohne Getränke kein Essen. Wir nippen, gucken im Saal umher: Braun gebrannte, adrett frisierte Auto- und Bustouristen. Stärken sich vor oder nach dem Abenteuer Seilbahn. Wohlhabenheit wabert durch den Raum. Das Essen! Zwischen der Nahrung viel Tellerporzellan zu sehen. Aber die Müdigkeit verdrängt ohnehin den Hunger. Kürbissuppe: gut. Fisch: souverän. Die kandierten Zwiebeln dazu: nicht unbedingt meins. Die Mojo zu den Papas – Victors war tausendmal besser. Alles in allem kein schlechtes Essen. Aber vom Parador habe ich mehr erwartet. Fucking Parador. Das Beste kommt aber noch: Postre! Creme Caramel, por favor! Wieder warten, schauen. Das Licht geht aus! Wie jetzt? Ist etwa das Stromaggregat im bloody Parador … „Cumpleaños feliz, Cumpleaños feliz …“, kommt es mit brennender Torte aus der Küche. Haha! Ein Kindergeburtstag. Wir freuen uns auch und klatschen mit. Postre wär jetzt gut. Unsere Kellnerin schwebt anderswo durch den Saal. Da kommt sie! Und zaubert das Dessertbesteck auf den Tisch. Stop fucking around and bring the bloody postre already!, brodelt es in meinem schlafgierigen Hirn. Da geht wieder das Licht aus! Wtf?! „ Cumpleaños feliz …“ Mann, karren die ihre Kinder nach Geburtsdaten geordnet in die Cañadas?! Wenn das so weiter geht, bekomme ich nie … da kommt das Dessert. In zehn Sekunden ist es gegessen. Wir schlafwandeln auf unser Zimmer und ich versinke in ein tiefes traumloses Koma. Im nächsten Moment …

Sonntag, 27. April 2014

Hotel Parador / Cañadas (2784m) – Berghütte Altavista (3260m)

… werden wir schon wieder vom Morgenlicht geweckt. Kein Wecker heute. Wir brauchten die Erholung. Trotzdem sind wir kaputt, unausgeschlafen. In meinem Kopf hämmern Kopfschmerzen. Am Wassermangel kann es nicht liegen, wir trinken beide täglich über drei Liter. Es ist einfach die Erschöpfung, die intensive Sonne in der Höhe, die trübselige Landschaft. Was tun wir? Erstmal Paracetamol. Gehen wir los? Nein, erstmal Kaffee. Im Restaurant ist kein Kellner zu sehen. Ausladendes Frühstücksbüffet, völlig irrwitzig in dieser toten Umgebung. 18 Euro ist es uns nicht wert. Und ehe wir wieder bis in den Tod auf den Kaffee warten, gehen wir lieber ohne los. Kein Shop im Hotel hat offen, also Wasser aus der Leitung.

Die Cañadas sind eine Ebene. Bis zum Aufstieg haben wir zwei Wegabschnitte vor uns. Einen durch die Ebene, bis zur Teleferico-Seilbahn und einen von dort, auf der Carretera entlang, bis zum Aufstiegspunkt. Vom Parador schlängelt sich der Weg mitten durch die braungezackte Lava. Mein Kopf dröhnt. Wumm, wumm, wumm. Ich hab keinen Bock hierauf! In dem Zustand gehe ich bis zur Teleferico und warte dort auf den Bus nach La Orotava. Einmal am Tag, um 16 Uhr, fährt einer ab Parador. Oh, da sind ja wieder die Drachen … flitzen unter Teideginsterbüsche … die blühen ja … gar nicht aufgefallen bisher .. schöne kleine Blüten … wieso muss ich auf diesen Scheiß Vulkan? Kann doch ebenso gut an dem Ding vorbei und ohne Umweg von fucking 1400 Höhenmetern an die Nordküste! Scheiß doch einfach mal drauf. Es geht eben nicht! Wem will ich hier eigentlich was beweisen? Typisch Mann, kommt es von Karo, immer müsse man sich gleich was beweisen. Ob man nicht einfach so da hoch gehen könne. Wie jetzt, einfach so? Verstehe dieses Konzept nicht. Wohl, weil es kein Konzept ist.

Wir sind uns mittlerweile einig: Entweder wir überqueren die Insel zu Fuß und lassen den Vulkan aus, oder wir gehen da hoch und machen mit der Seilbahn runter, nehmen den Bus und gut. Beides geht nicht. Beides schaffe ich nicht. Kopfschmerzen, Erkältung, 17 Kilo, 3718 Höhenmeter! Mein Selbstmitleid erreicht zum jetzigen Zeitpunkt das Ausmaß der gesamten Cañadas. Desolation of Smaug, Land of Mordor, Spiegel meiner Seele. Melodramatischer Augenblick.
Wir kommen an der Seilbahnstation an. Frohlockendes Volk, quengelnde Kinder, gelangweilte Blicke stehen an Autoparkplätzen, strömen aus Tourbussen. Wir vorbei auf der Carretera TF 21, nahe am Verkehr. Die Straße durchschneidet einen gigantischen Lavastrom. Margeritenstaude auf purem Fels. Leben, can’t beat it. Take this, wasteland! Eine Weile später stehen wir vor dem Abzweig zum Aufstieg.

Sandstrandhelles, leuchtendes Gestein. Sanfte Hügel, eine bequeme Schotterstraße, die sich sanft nach oben schlängelt. Kurzes Innehalten, Sondieren der Lage. Wie geht’s uns? Irgendwie … gut! Hell. Licht. Kopfschmerzen … weg! Endlich sind wir raus aus dem deprimierenden Lavagezack.

Steter, aber humaner Anstieg. Blau-hellgelber Horizont. Nach einer halben Stunde der Abzweig zu El Portillo, zum nördlichen Nationalparkeingang. Was machen wir nun? Inselüberquerung oder Teidebesteigung? Runter oder rauf? Trommelwirbel: Rauf natürlich. Lebensgeister zurückgekehrt – wir gehen soweit wie’s geht.

Angenehmer Weg #7. Weiter Blick über den Nationalpark hinweg, bis zur Baumgrenze! Dort beginnt wieder der Piniengürtel, diesmal im Norden! Und dort, unter der Wolkendecke muss La Orotava liegen, unser Ziel. Wir allerdings erstmal: hoch! Mächtige schwarze Gesteinskugeln, bis zu sechs Meter im Durchmesser, liegen beiderseits des Weges. Als würde Guayota, der Dämon des Vulkans, hier Boccia spielen. Es sind die Huevos del Teide. Absoluter Kontrast zu den hellen Hügeln und zum blauen Himmel. Die Huevos sind aus der fließenden Lava heraus und weiter gerollte Gesteinsbrocken, dabei wie Schneebälle gewachsen und dann unterhalb der Lavazunge liegen geblieben. Guter Rasteplatz im Schatten der Eier. Nüsse, Rosinen, Wasser. Alles schmeckt. Entspannung macht sich breit. Nicht nur körperlich, auch was das Ziel angeht. Es ist machbar! Also weiter, weiter! Neongrelle Jogger kommen uns entgegen. Mit der Seilbahn sind sie hoch, hier wieder runter. Wir erreichen den Abzweig zur Montaña Blanca, einem runden, hellen Hügel, links von uns. Diesmal keine Umwege, keine Extrahügel! Wir stehen vor dem letzten, sehr steilen Aufstieg zur Hütte Altavista. Drachen kreuzen den Weg. Schwarz und ledern. Wir gehen sehr langsam, wissen, dass wir es jetzt schaffen werden. Also einfach weitergehen. langsam, aber weiter. Vorbei an einem Plateau mit Huevos, der „estancia de los Ingleses“, dem „Halteplatz der Engländer“. Whatever. Etwas oberhalb, das gleiche Szenario. Die „estancia de los alemanes“. Warum nicht. Viele meiner Landsleute haben sicherheitshalber ihre Namen plus Ankunftsdatum auf den Steinen hinterlassen, so weiß ich jetzt Bescheid, wer von ihnen wann hier war. Manche können nicht aufhören zu labern, manche müssen sich in Pflanzen oder auf geologischen Formationen verewigen. Geltungsdrang hat viele Ausdrucksformen.
Jetzt das letzte Stück steiler Aufstieg. Kehrtwende für Kehrtwende arbeiten wir uns langsam aber stetig nach oben, immer auf die am obersten Grat stehende Metallstange zu, das erste Zeichen der Berghütte Altavista.

Dann sind wir da! Oben! das nächste Ziel erreicht. Der Blick ist atemberaubend. Er zieht einen in die Tiefe. Man glaubt vornüber zu fallen, soweit unten ziehen die Berge ihren Ring um die Cañadas. Soweit hinauf hebt sich der Meereshorizont, auf dem Gran Canaria schwimmt wie ein zerklüftetes Schiff.

Kommentare über Inselbeschaffenheit und klimatische Verhältnisse zwischen Süden und Norden durchschneiden die Stille. Verbindungen werden erläutert zwischen Teidehöhe, tiefer ankommenden Wolken und Feuchtigkeit des Nordens. Wieder mal ein Freizeitprof. Scheinbar eine Gipfelkrankheit. Auf dem Psiloritis damals war es ein bayerlnder Trupp Bayern. Am Guajara dozierte ebenfalls ein Deutscher. Hier ist es ein junger Österreicher. So verfalle ich wenigstens nicht in lahme Pauschalisierungen über meine Landsleute.

Merkwürdigerweise bin ich nach diesem Aufstieg gar nicht müde. Mit klarem Kopf entscheide ich daher, dass Ruhe nun mal nur abseits zu finden ist und es hier an der Hütte gilt, den Feind zum Freund zu machen. Ich frage den Steirer allerlei über Wind und Wetter und er, hier ansässig und darum mit guten Kenntnissen ausgestattet, ist froh Wissen an den Mann bringen zu können. Win win.

Gegen 17 Uhr sind wir angekommen. Alle warten nun auf 19 Uhr, wenn der Hüttenwart die Betten zuteilt. Karo zapft Kaffee aus dem Automaten: Potzblitz, schockierend gut! Von der Seilbahn her kommt ein deutsches Paar, das den Gipfelaufstieg abbrechen musste. Sie bekam zittrige Beine, Probleme mit der Höhe. Schwere Rucksäcke, keine Chance auf den Gipfel. Jetzt wollen sie hier übernachten, da es für den Abstieg in der Verfassung der Frau zu spät ist, zumal sie keine Stöcke dabei haben. Der Hüttenwart ist resolut. Ohne Reservierung keine Übernachtung, die Hütte sei ausgebucht. Sie überlegen doch noch abzusteigen, bevor es zu wenig Tageslicht geben wird. Mittlerweile hat sich aber ein Grüppchen deutsch-österreichischer Fürsprecher zusammengefunden. Zwei ältere Alpenvereinler sind empört, dass es hier kein Notbett und überhaupt, keine Hilfsbereitschaft am Berg gibt! Typisch Spanien, tönt es bereits. Denen sei alles außerhalb ihrer Zuständigkeit egal! Tatsächlich handelt es sich hier um eine privat betriebene Hütte, zwar innerhalb des Nationalparks, aber ohne staatliche Nothilfepflicht. Das Problem ist also ein moralisches, kein rechtliches. Auf mich allerdings wirkt der Hüttenwart recht gemütlich und nett. Er hat wohl eher Angst um seinen Job, wenn er mehr Leute rein lässt, als Brandschutz und Maximalbelegung zulassen. Ich rate den beiden oben zu bleiben, eventuell kämen ja nicht alle, die gebucht haben. Diese Möglichkeit hat der Hüttenwart mir mit Blick auf den Vortag bestätigt.

Inzwischen steht die Sonne tief hinter dem Teide und wirft dessen pyramidenförmigen Schatten weit über Teneriffa und das Meer bis nach Gran Canaria. Andächtige Stille, andächtiges Fotografieren. So etwas Wunderbares habe ich noch nicht gesehen. Der Schatten ragt bis über Gran Canaria hinweg und seine Spitze verliert sich im höher steigenden Abendrot.

Hüttenbetten werden zugeteilt. In unserem Raum schläft der ältere Alpenvereinler. Graue Haare, grauer gestutzter Vollbart, ca. 65 Jahre alt: bevor wir schlafen gehen ist mir schon klar, dass er der Schnarcher sein wird. Einen gibt’s immer. Mindestens. Die zwei Notfalldeutschen haben jetzt doch Zugang erhalten und können Gott sei dank bleiben. Gemütlichkeit macht sich breit, als nach und nach alle in die Küche ziehen um ihre hoch geschleppten Vorräte warm zu machen. Unsere zwei ultraleichten Becher Instant-Nudeln Indische Art schmecken traumhaft. Mir jedenfalls. Karo isst mehr aus Vernunft. Die Höhenkranke und ihr Mann werden eingeladen, der Alpenvereinler gibt mir den guten Tipp, dass das „nicht trinkbare“ Leitungswasser erfahrungsgemäß sehr wohl trinkbar sei, aber die Leute eben davon abhalte, drei Euro teure Halbliterflaschen aus dem Automaten zu kaufen. Bergkameradschaft. Schönes und sehr reales Gefühl. Draußen – kurze Dämmerung – bereits Nachthimmel. Zähne putzend vor die Tür. Sterne schauen: Großer Wagen, immer klar. Dreimal verlängerte Deichsel und da sollte dann der kleine sein, oder so ähnlich. Den kleinen finde ich nie. Orion geht immer. Ein Russe hält sein Tablett mit Star-App nach oben. Kamera erkennt Himmel, App erkennt Sternbilder. Ich setze schon zur Verachtung an, finde das aber wenn ich ehrlich bin ziemlich geil.

Morgen um fünf Uhr raus. Macht man hier so. Dann ist man rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Gipfel. Also ins Bett. Ohropax liegen bereit, ich höre nichts. Perfekt. Augen zu und schlafen.

Montag, 28. April 2014

Berghütte Altavista (3260m) – La Orotava (390m)

Aber der Schlaf kommt nicht. Meine Nase ist zu, ich kann schlecht atmen, dazu blähen sich die Lungen bei jedem Atemzug. Ziemlich hohe Herzfrequenz. 3260 Meter Höhe. Ich wälze mich hin und her. Höre das Pfeifen in meiner Nase wegen den Ohropax überlaut. Aber Schnarchen ist schlimmer, also bleiben sie drin. Die ganze Nacht geht das so. Kurz in den Schlaf gefallen, schon wieder zurück im Halbschlummer. Erholung ist anders. Lange vor fünf Uhr liege ich wach, stehe etwas früher auf und schleppe mich mit meinem Kram in den Vorraum. Wasser ins Gesicht, Klo, Zähne. Karo zapft Kaffee, dazu Kekse aus der Prinzenrolle. Bloody Prinzenrolle. Wie Starbucks. Can’t escape it.

Wir stehen unter den Morgensternen. Irgendwie sind Sterne morgens immer strahlender. Mir ist etwas zittrig in den Knien. Nicht jetzt, denke ich. Keine Höhenprobleme, bitte!  Nicht so kurz vor dem Gipfel, den ich im Humboldtbuch, aus dem Flugzeugfenster, auf dem fucking Guajara immer wieder vor Augen hatte. Nicht jetzt schlapp machen! Ich sage Karo, dass ich sehr langsam gehen werde. Sie hat keine Einwände.

Stirnlampen an und die ersten Steinstufen empor. Knie zittern, Lungen gieren nach Luft. Ich schleiche in Zeitlupe von einer Stufe zur nächsten. Wwwhyyy doooes she siiing theeeese saad ssssoongs for mmmeee, I’m nnnoot the ooonnne. Townes hätte viel Gras geraucht haben müssen, um “For the sake of the song“ so langsam zu singen, wir es jetzt in meinem Schritttempo mitläuft. Oh Gott, ist das schwer! Nicht an den Gipfel denken. Ein Schritt nach dem anderen. Vor uns machen welche Pause. Geht also nicht nur uns so. Gibt Mut, gibt Kraft, vorbei an ihnen und ermunternde Worte gewechselt – Ah, Kameradschaft am Berg!

Häääh, kanni meh! Pauuue? Artikulation hier keine Königsdisziplin. Schluck Wasser, durchatmen, weiter. Langsamst geht es. Bloß nicht ans Aufgeben denken. Da oben funzeln Stirnlampen in einer aufwärts führenden Linie. Der Gipfelsturm! Schon so nahe?! Es geht! Langsam, aber es geht. Der Kreislauf ist jetzt in Schwung, das Zittern aus den Beinen verschwunden. Schon ist der Panoramaweg um den Gipfel erreicht, die Höhe der Seilbahnstation. Den Panoramaweg ein Stück entlang. Hinter uns geht einer ohne Stirnlampe. Stattdessen leuchtet er sich mit seinem Tablet. Bloody neue Zeit. Was würde Reinhold Messner dazu sagen?

Schnee! Der erste. Türmt sich beiderseits des Weges mannshoch auf. Die Sterne verschwinden im Morgengrauen. Orangegelber Hauch am Horizont. Wir schaffen es! Jetzt wissen wir es. Sind wir wirklich so weit gekommen? Zweisekündige Kontemplation. Weiter! Dort ist das Tor, das nach neun Uhr den Zugang zum Gipfel reguliert. Offen. Durch. Hier der finale Aufstieg. Hoch. Grober Fels, große Schritte. Das Gehen fällt leichter im zunehmenden Tageslicht. Wie hoch wir sind! Schwefeldampf aus kleinen Ritzen wabert über den Weg, mir in die Nase. Übelkeit. Jetzt bitte nicht! Luft anhalten, Lungen wollen Luft. Geist über Materie! Durch, weiter! Mehr Schwefeldämpfe. Links neben mir eine graue Senke, der Krater. Jetzt schon unter uns. Über uns – nichts mehr.

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Dort drüben, hingekrümelt, Los Christianos. Das Grinsen wie eingebrannt in unseren Gesichtern. Und dann sind wir da an dem, nein an dem faltigen Berg da hoch nach Arona. Da ist Arona. Wann habe ich das letzte Mal so befreit gelacht? Und dann von Arona aus da lang. Boody Roque Imoque undEl Conde, da sind wir durch, dann Ifonche und Vilaflor. Da ist der Sombrero de Chasna! Komm, eins aus der Faust: wir oben, die Welt unten. Fucking Guajara, da isser! Dort hätten wir rüber kommen müssen, aber wir voll da lang. man kann sogar die Gipfelhütte sehen. Und dann dort runter zum Parador. Bloody Parador. Bloody Cañadas, was für eine Hölle. Schauen, schauen, schauen. So viel Sicht kann doch kein Auge aufnehmen. Und dann da unten lang, Carretera, und irgendwo da hinten hoch zur Altavista.

Unglaublich, man kann den gesamten Weg von hier oben sehen. Süden, Norden. Eine Wolkendecke über dem Orotava-Tal, dort das Anagagebirge, das Tenogebirge, Lanzarote, Gran Canaria, La Palma, sogar El Hierro. Jetzt geht die Sonne auf. Eine kleine Lichtexplosion, immer größer, bis uns die Morgenröte ins Gesicht scheint. Wir drehen uns um. Der Schatten des Teide, die Pyramide, da ist sie wieder. Doch diesmal streckt er sich in die andere Richtung, nach Westen. Bis La Gomera. Und kaum sichtbar um seine Spitze – und das ist kein literarischer Kniff – ein kleiner Spektralring.

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Der Weg hinab. Alles neu, befreit vom blinden sich nach oben quälen, im strahlenden Morgen. Kaum zu glauben: ab jetzt nur noch bergab. Und doch, sich losreißen zu müssen von diesem Triumph! Aber schließlich haben wir noch so viele Kilometer, so viele Höhenmeter Abstieg vor uns.

Wieder an der Schutzhütte. Karo hat die Wasserflaschen heute Morgen hinter einer Schneewehe an der Rückwand deponiert, damit wir sie nicht hoch schleppen müssen. Frühstück. Wasser. Schuhe aus. Vor uns fällt die Welt ab. Heute noch da runter! Ungläubig blicken wir auf die tief unten liegende Wolkendecke über La Orotava, unserem Ziel. Schlimmstenfalls nehmen wir den Bus ab Nationalparkeingang. Um 16 Uhr geht er vom Parador, ist also ca. 16 Uhr 15 am El Portillo. Jetzt ist es zehn. Sechs Stunden Zeit also. Machbar.

Runter, runter, runter. Kraxel, zick, zack. Wende hin, Wende her, Wende kehrt. Geröll unter den Füßen. Ich fliege hin, Blut an der Hand. Hoffentlich bleibt eine Narbe. Erste Vegetation, Ginsterbüsche. Als wir unten am Steilhang ankommen, schaut uns ein finsterer schwarzer Drache von der Seite an. Lederne Halsfalten. Letzte Mordor-Kreatur, du schreckst uns nicht mehr!

Die hellen Hänge hinab, dort sind die Teide-Eier, die Huevos. Pause an gleicher Stelle wie gestern. War das wirklich erst gestern, als wir hier hoch sind? Keine Jogger heute. Es ist Montag. Wir fühlen uns fast, als könnten wir den Berg hinabjoggen. Endlich abwärts! Schritte fliegen. Schon sind wir am Abzweig zu El Portillo. Weg #6 führt uns von hier an in entspannt abfallender Linie durch hellsandige, offene Landschaft, riesige Teideginster überall, in denen Bienen Teide-Honig produzieren. Abgestorbene Büsche wie Pflanzenskelette, graue ausgeblichene Knochenäste, unter denen bereits neue Triebe sprießen. Dunkelbraune Schlackebrocken, mannshoch, haushoch – herrliches Endzeit-Panorama.

Wir dürfen jedoch nicht verweilen, können nicht trödeln, wollen abwärts, um zu sehen, ob wir es doch noch zu Fuß nach La Orotava schaffen. Ein Blick zurück: der Teide ragt über Ginster und Schlacke auf. Monument unseres Durchhaltens. Fast freundlich erscheint er jetzt, da er hinter uns liegt. Auf Augenhöhe.

El Portillo lässt auf sich warten, der Weg zeiht sich. Nach über zwei Stunden sind wir am Besucherzentrum. Kleine Schautafel dort mit Erklärungen zu Gallotia galloti (Drachen). Lateinische Namen, Untergattungen .. bla .. es sind Drachen, Herrgott noch mal! Ist das so schwer zu verstehen? Wie damals auf dem Boxhagener Gemüsemarkt. Vater und Sohn an einem Stand mit schuppigen Zimtäpfeln. Der Sohn: Oh, ein Drachen! Der Vater: Nein, das ist kein Drachen, das ist ein blablabla … Armer Sohn. Arme Besucherzentrumbesucher. Zur Veranschaulichung der lateinischen Blablablas wurden sogar noch zwei, drei Exemplare aus Ton neben die Infotafel platziert. Dabei krabbeln die hier überall herum. Wahrscheinlich sind die aus Ton naturgetreuer, als die echten.

Die freundliche Dame im Zentrum bestätigt, dass der Bus hier 16 Uhr 15 abfährt. Dann schaut sie auf unsere Karte und bestätigt etwas zögerlicher den dort eingezeichneten Wanderweg von hier nach La Orotava. Locals sind ja oft etwas hilflos, wenn man ihnen Karten ihrer Gegend hinhält. Wer kennt schon seine Gegend auf Landkarten, wenn man nicht gerade ein wanderwütiger Nordeuropäer ist. Mmh, drei bis vier Stunden dauere das schon. Zu Fuß, fügt sie noch hinzu, um sicher zu gehen, dass das wirklich unsere Fortbewegungsart sein soll. Wir traben weiter, hundert Meter nach rechts zum Restaurant. Unser Ziel: Völlerei. Kichererbsensuppe, Papas Ampelmann, Brot, Öl, Eis. Viel und gut. Und was machen wir nun? Sollen wir’s wagen? Knappe zwanzig Kilometer nach La Orotava. Aber bergab. Um zwanzig Uhr wird’s dunkel. Es winkt der Ruhm, es geschafft zu haben. Teide und Inselüberquerung! Also, den Bus vergessen und los!

Wieder auf dem GR 131. Wieder in den Pinien. Wir werden dem Weg bis zum Ende des Piniengürtels folgen, ihn dann geradeaus verlassen und das letzte Stück, den Camino de Chasna, auf Asphalt in die Stadt laufen. Sieht man ja hier auf der Karte, ganz klar. Freytag & Berndt, traditionsreicher Karten-Verlag. Can’t go wrong.

Wir eilen. Kein gemütliches Gehen. Jede Minuten zählt, wenn wir rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit in besiedeltem Gebiet sein wollen. Im gesamten Piniengürtel wohnt kein Mensch. Nachmittagssonne und Pinienduft. Trautes Schattenspiel auf weichen Waldwegen. Immer abwärts, die Beine bekommen es zu spüren. „For the sake of the soonng …“ Hohe Drehzahl auf dem Plattenteller. Wir unterqueren die Carretera. Fünf Minuten Pause, gleich weiter! Wo ist der Weg! Sind wir richtig? Keine Markierungen. Hier im Barranco sollte doch eigentlich klar markiert sein. Ich gehe zurück, Karo späht vorwärts: es ist der richtige Weg! Aber hier sind ihnen wohl die Pfosten ausgegangen! Wir haben zwanzig Minuten verloren. Eine halbe Ewigkeit später erreichen wir eine Wasserleitung, ein Kanal auf der Karte. Erst hier sind wir? Noch steht die Sonne hoch, aber die Schatten werden lang. Wir treffen drei Reiter auf einem Querweg. Sehr nett, wie fast alle Spanier, die wir um Hilfe bitten. Immer wieder eine Sonne, diese Freundlichkeit. Die Karte verunsichert sie etwas, aber La Orotava wäre da lang zu erreichen. Das ist aber nicht die Richtung, die die Karte vorgibt. Und hier lang, geradeaus? Sicher auch gut! Wir wollen es glauben. Eine Stunde maximal soll es noch dauern. Eine Stunde? Aber nicht mit dem Pferd, höhö, schon zu Fuß, oder? Si si, a pie, haha! Wenn man in der Landessprache witzt, hat man’s geschafft. Adios, und weiter.

Grüne Halme sprießen links und rechts aus dem Boden. Baumheiden, Verwandte unserer Lüneburger Erika. Werden hier drei Meter hoch und stehen gerade in voller Blüte. Wir befinden uns nun fast auf Höhe der Wolkendecke, der wir uns seit Wiedereintritt in den Kiefernwald nähern, die wir ständig am Berg über dem Orotava-Tal sahen. Jetzt sind wir auf der selben Höhe. Wassertropfen in der Luft, auf unserem Gesicht. Konturen verschwimmen im Dunst und wir tauchen ein in die Frische des Nordens. Seit der Trockenheit des Südens haben wir uns darauf gefreut. Twin-Peaks-Nebel um uns herum. Eine sehr hohe Kiefer, halb erahnt, in der Ferne.

Laut Karte kommen noch drei Querwege, dann von links der GR 133, der sich nach rechts mit dem 131 vereint. Wir dann runter vom 131 und geradeaus weiter. Immer dichter werden die Wolken. Die Sonne ist längst nicht mehr zu erkennen. Graue Suppe, wenig Sicht. Drei Querwege sind vorbei, mehr als drei schon. Plötzlich hören die Bäume auf. Es ist klar, hier beginnen Felder, das Orotava-Tal. Wir sehen aber nur das dunkler werdende graue Nichts. Der GR 131 biegt nach rechts ab. Kein GR 133 von links, kein Weg geradeaus. Uns wird mulmig. Wir folgen dem GR 131, bis der wieder in den Wald zurück führt! Wir sehen einfach nichts, zwanzig dreißig Meter weit. Was tun, was tun? Da ist das Tal! Da geht der Weg. Karo entscheidet: Hauptsache runter, dahin wo Menschen sind. Wir verlassen den GR 131, nehmen irgendeinen Feldweg durch Kartoffeläcker, hören irgendwo einen Hund bellen. Ich rufe, ayuda! Dieses Wort habe ich letzte Woche noch in der S-Bahn gelernt. Hilfe. Da sind wir, bei Einbruch der Dunkelheit, ohne jede Sicht, auf Teneriffa. Ayuda! Rufe zum ersten Mal in meinem Leben um Hilfe. Kommt gut. Bin stolz auf mich. Jemand ruft zurück! Bald treffen wir fröhliche Menschen. Gerettet. Hier sollen wir immer die Straße runter, bis zu einem großen gelben Haus. Da sei dann die Carretera, eine Bar und eine Busstation. De Alemania, si? Fragt er mich zum Schluss noch. Haha! Und die Bayern hätten gut einstecken müssen neulich gegen Madrid, hahaha!, klopft er mir auf die Schulter. Ich danke Gott für diesen Mann und den Sieg von Madrid.

Wir finden die Bar und – unfassbar – in einer halben Stunde geht von hier ein Bus nach La Orotava. Glück im Unglück. Grande. In Benijos sind wir gelandet, völlig unmöglich laut Karte. Fuck you, Freytag & Berndt! Nächstes Mal nehme ich die von Kompass! In der Bar redet die strahlende matronige Besitzerin in ungebremstem Spanisch auf uns ein. Wir, ziemlich kaputt, lächeln viel und erzählen so gut es geht auf Spanisch (ich) und Italienisch (Karo) von unseren Abenteuern. Irgendwann stockt das Gespräch. Dann strahlt uns die Señora an: Ah, vacaciones! Yo me voy de vacaciones, y todo aqui … eine wegwischende Handbewegung in Richtung der Bar und der anwesenden Herrschaften. Haha, alles klar! Alltag vergessen und so. Urlaub kommt halt immer gut. Auch um stagnierende Gespräche zu retten. Zwei Veteranos zum Abschied. Die Señora und die Leute in dieser Bar waren Engel für uns. Wir klettern in den völlig leeren Bus und sind tatsächlich eine halbe Stunde später in La Orotava.

Autos, Reklametafeln, leuchtende Dinge, schnelle Bewegungen. Fünf Tage lang waren wir in dörflicher Ruhe oder abgeschiedener Natur unterwegs. Und jetzt: Kulturschock. Mir ist alles etwas zu viel. Als wir bei Juan, unserem hiesigen Airb’nb Gastgeber ankommen und durch sein herrschaftliches, riesiges Haus geführt werden, ist es mir zu groß, fremd, neu. Zwischen Bananenfeldern möchte ich mich verkriechen. Doch das geht jetzt nicht. Zum Glück. Was wir noch nicht wissen: Wir werden in diesem Haus mitten in der Altstadt La Orotavas, mitten im Orotava-Tal eine herrliche Woche verbringen.

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Geschafft haben wir es nicht. Wenn man es genau nimmt. Der Bus hat uns von Benijos hierher gebracht. In Wirklichkeit aber haben wir es natürlich geschafft. Was zählt schon dieses letzte Stück, geht es mir durch den Kopf, als ich mir klar mache, dass wir heute Morgen noch auf dem Gipfel des Teide gestanden haben. Auf 3718 Metern Höhe. Moment mal, das bedeutet, wir sind heute über dreitausend Höhenmeter abwärts gelaufen.

Auf Juans ausladender Terrasse: Wieder mal ein traumhafter Blick über die Stadt,  bis hinab nach Puerto de la Cruz und das Meer. Juan dreht sich um und zeigt in die spätabendlichen Wolken. “And when there’s no fog, you can see the vulcano from here.“

Mittwoch, 30. April 2014

La Orotava (390m) – Bollullo (Meereshöhe)

Es gibt diesen Punkt, an dem man weiß, das war es jetzt. Meist ist der erreicht, bevor man tatsächlich am Ziel anlangt. Nein!, denkt man dann. Jetzt wo das Ziel in Sicht ist, wo die letzten Schritte gezählt sind, möchte ich nicht ankommen. Ganz so ist es diesmal aber nicht. Zu schön liegt der Strand von Bollullo in der kleinen Bucht östlich von Puerto de la Cruz. Natürlich ohne Rucksäcke sind wir von La Orotava in einer Stunde hierher gelaufen. Das letzte Stück.

Jetzt stehen wir an einer kleinen Boofe, möchte ich fast sagen, hätte ich das Wort nicht immer irgendwie doof gefunden. Eben nicht ganz eine Höhle, neben der nach unten führenden Felstreppe, in der Vorübergehende hunderte kleiner Holzkreuze hinterlassen haben. Kleine Stöcke, über kreuz in Ritzen und Spalten gesteckt. Ich will ein großes rein klemmen. In Gedenken an JC in Arona, der uns angeschoben hat, rauf und runter, manifest geworden in unserem Glauben an uns selbst und unserem gegenseitigen Mutmachen. Stock zerbricht im Eifer. Göttliche Kurzlektion. Dann eben ein kleines Kreuz.

Da liegt der Strand. Auf ihm junges kanarisches Volk. Fußball, knappe Bikinis, Speedos. Braune Haut, lange Heere, große und kleine Brüste – immer wieder schön. Rotblühende Sukkulenten auf schwarzem Vulkanfels. Drachen, die in Felsspalten flüchten. Kleine Drago-Bäume. Alles kommt noch mal zusammen, wie am Ende der Muppet-Show. Kapuzinerkresse quillt dekadent und üppig auf’s Dach der blauen Bar. Wir taumeln dem donnernden Atlantik entgegen. Kein dösendes Mittelmeer. Die Wellen tragen ein Mantra: Macht was ihr wollt, ich bin hier. Wenn ihr dabei drauf geht, mir egal. Natur eben. Wir gehen näher, mit unseren Stiefeln in die ausfächernden Wellen. Am Leder perlt’s. Wir stehen drin. Im Wasser. Auf der anderen Seite. Irgendwo hinter uns der Teide. Der hohe Küstenfels verdeckt ihn. Geschafft. Wir sind da.

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Was kommt als nächstes? Fügt sich jedes Erlebnis, jeder Berg, jeder Weg zu einem wachsenden Ganzen? Oder verrinnen die Eindrücke mit der Zeit, müssen ständig erneuert werden, durch neue Gipfel, neue Reisen, Herausforderungen und Ziele, ohne dass die Unruhe je besänftigt wird? Oft gestellte Frage. Gönnt man sich irgendwann eine lange Zeit, die man nur damit verbringt auf’s Meer zu schauen? Damit, auf Wellen und Brandung zu hören? Ohne den Tag, die Zeit, das Wetter zu „nutzen“? Ohne sich zu beschäftigen? Kann man diese Ruhe aufbringen? Vielleicht können es manche. Wahrscheinlich würden sie nicht diese Insel von Süd nach Nord überqueren, mit einem 3718 Meter hohen Umweg. Jedem das seine.

N a c h t r a g :

Sonnabend, 03. Mai 2014

Benijos (909m) – La Orotava (390m)

Es ist nicht nur die auch zweihundert Jahre nach Humboldts Besuch immer noch beglückende Schönheit des Orotava-Tals, die uns veranlasst, es zu durchwandern. Nicht ohne Grund beginnen wir in Benijos. Von hier nach La Orotava, diesmal zu Fuß. Die letzte Lücke schließen. Heute gibt es keine Wolken, nur strahlende Sonne über dem sanft zum Meer abfallenden Tal mit seinen Kartoffelfeldern, Weinstöcken, Papayas und Palmen. Alles duftet und grünt. Wir finden tatsächlich den ursprünglich geplanten Camino de Chasna. Steil führt er uns nach unten, eine gute Stunde lang, bis in die Stadt. Bei klarem Wetter und guter Sicht hätten wir es also vielleicht doch zu Fuß schaffen können. Vom Gipfel des Teide bis nach La Orotava.  Haben wir jetzt ja auch.

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2 Gedanken zu „Über den Vulkan

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